Wo Leben anfängt und Liebe nie endet | Wertach 2016

Stell dir vor. Stell dir vor, du wirst geboren und siehst dich um, als winzig kleines Wesen auf der Welt, beeinflussbar, unsicher, neugierig. Stell dir vor, du bist alleine, ganz alleine, und sollst ab jetzt deine eigenen Wege gehen. Niemand steht dir zur Seite. Niemand sagt dir, wie das Leben auf diesem Planeten funktioniert, keiner erklärt dir wie die Sterne leuchten oder dass Eidechsen bei Angriffen ihren Schwanz abwerfen können. Leider sagt dir auch niemand, wie man die Gabel und den Löffel hält, und dass man zu großen Menschen besser nicht unfreundlich ist. Vielleicht schaffst du es trotzdem, Freunde zu finden, aber sobald die Schule oder die Arbeit zu Ende ist, gehen sie nach Hause und lassen dich stehen. So kann es passieren, dass du in den schlimmsten Notständen deines Lebens keine Hilfe hast, auf die du bauen kannst. Und wenn etwas gut läuft, bist du zwar glücklich, aber du kennst keinen, mit dem du es wirklich teilen kannst. Du bist alleine. So wäre unser aller Leben- wenn wir keine Familie hätten.

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Diese Woche hatte ich freitags zum ersten Mal zehn Stunden Schule, und es war echt hart. Mein Wochenende ist jetzt immer um einige Stunden kürzer, und das ist irgendwie deprimierend. Deswegen wäre ich, als ich um kurz vor fünf schließlich die Schule verlassen habe, am liebsten direkt ins Bett gegangen. Stattdessen stieg ich in das Auto meiner Eltern, die auf dem Parkplatz schon auf mich gewartet hatten, und zusammen mit ihnen und meinen beiden jüngeren Schwestern ging es los ins Allgäu. Tija- war wohl nichts mit Bett 🙂

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Meine Oma und mein Opa mütterlicherseits bekamen dieses Jahr ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk: ein Wochenende im Kolpinghaus Wertach mit der ganzen Familie! Die ganze Familie, das bedeutet insgesamt 21 Leute, davon 10 Kinder, wenn man meine (gleichaltrige) Cousine und mich noch zu den Kindern zählen kann. ( Wir sind der Meinung: nein 🙂 ) In unserer Familie wird es so schnell nicht langweilig. Meine Cousine und ich sind mit fast 17 die ältesten Enkel, unser gemeinsames Patenkind mit einem Jahr der Jüngste. Der Rest liegt irgendwo dazwischen und zusammen halten wir unsere Eltern und Großeltern ganz schön auf Trab. Ständig ist irgendein Familiengeburtstag, womit dann auch endlich mal meine erworbene Kuchensucht und die nicht vorhandene Bikini-Figur erklärt wäre. Familie ist, obgleich in unserem Alter meistens taburisiert und mit einem Augenverdrehen abgetan, aber viel mehr als nur Geburtstage und Stress- das ist mir an diesem Wochenende doch wieder ein Stück mehr klargeworden.

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Das Allgäuhaus ist ein Familienhotel im Oberallgäu, was eigentlich bedeutet, dass die da Kinder und große Kinder gewohnt sind, aber ich glaube die Anreise unserer Familie ist trotzdem aufgefallen. Unsere Kleinsten haben direkt die Indoor-Spielanlage in Besitz genommen ( sprich sich in die Rutsche gesetzt und niemanden mehr durchgelassen 😀 ), während meine gleichaltrige Cousine, meine 14-jährige Schwester und meine 12-jährige Cousine völlig schockiert feststellten, dass es hier a) einfach mal null Internetempfang und b) nur einen kostenpflichtigen WLAN-Zugang gab. Was eigentlich nicht schlimm gewesen wäre, wenn man bedachte dass wir beide in Krakau eine ganze Woche ohne Internet ausgekommen sind. Aber die Kombination aus Bergluft, Indoor-Spielplatz und zu vielen kleinen Kindern machte die Situation dann irgendwie doch ganz dramatisch. Ihr könnt euch also denken, dass wir sehr viel Zeit damit verbracht haben, mit dem Handy im ausgestreckten Arm durch die Gegend zu laufen. Erfolg hatten wir schließlich in der Panorama-Bücherei im obersten Stock- ich glaube so viele Stunden wie an diesem Wochenende war ich noch nie in der Bücherei 😉

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Wenn wir nicht gerade mit schönstem, idyllischen, nahezu herrlichen Ausblick Kontakt zur bergfreien Außenwelt hielten, unternahmen wir kulturell hochwertige Dinge wie beispielsweise die Besichtigung eines Viehscheids. Meine Mutter, die das Allgäu sehr schätzt ( es kommt fast schon an die wohl ewige Bodensee-Liebe heran) konnte auch gleich berichten was das ist: nachdem die Kühe des Allgäus den Sommer auf ihren Almen verbracht haben, werden sie im September wieder ins Tal gebracht. Dabei gilt es, die einzelnen Herden voneinander zu unterscheiden, daher der Name Viehscheid. Trägt die Leitkuh einen Blumenschmuck, spricht dies für einen unfallfreien Sommer auf der Alm. Der „Prozession“ ins Tal sehen immer viele Menschen zu, viele davon in Trachten. Es ist eigentlich ein großes Volksfest mit guter Stimmung und noch mehr Junggesellenabschieden. Obwohl wir am Anfang äußerst skeptisch waren, und obwohl sich unsere Freunde wahrscheinlich schief gelacht haben ( tut nicht so, hätte ich eh auch gemacht 😉 ) war es letztendlich sogar ganz interessant. Ja, ich sehe es kommen, ich werde noch zum Kult-Freak 😉

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Offensichtlich wirkt Bergluft ziemlich motivierend, denn ich bin mit einem fünfseitigen Interpretationsaufsatz zur Kurzgeschichte „Schönes, goldenes Haar“ wieder nach Hause gekommen. 3 Stunden im Aufenthaltsraum wurden dafür fällig – mehr wollte ich dann aber doch nicht opfern, bin ja kein Streber oder so. Die beiden Abende verbrachten wir total cool in der Hotelbar ( bei einer Tasse Tee für 2 Euro, jap, läuft bei uns) und ab circa elf Uhr dann auch schon im Bett. Einmal waren wir auch in dem hoteleigenen, kleinen Schwimmbad, das ich schon als kleines Mädchen richtig gefeiert habe.

Highlight des Wochenendes war eindeutig der Sonntag. Nachdem wir ausgecheckt und den Kofferraum beladen hatten, ging es nämlich ab nach Tirol, Österreich, genauer gesagt zur Highline 179 in der Nähe von Reutte. Die Highline 179 ist eine Hängebrücke in 114, 60 Metern Höhe. Sie ist 406 Meter lang und blablablaba…Fakt ist: es ist verdammt hoch und wenn man von unten nach oben sieht, bekommt man schon mal ganz schön Respekt.

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Das hat uns aber natürlich nicht gereicht, wir wollten auch hoch. Der Aufstieg war eine unsensible, harte Konfrontation mit dem echten Leben ( Sport? Was ist das?! ), aber spätestens als wir am Anfang dieser wirklich irrsinnig langen und hohen Brücke standen, wussten wir: es hat sich gelohnt.

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Bilder sprechen für sich, sage ich immer, aber nehmt das dieses Mal bitte nicht zu Ernst, weil in diesem Fall die Bilder nicht ganz für sich sprechen: so fertig wie auf ihnen sehen wir normaler Weise nicht aus!! Aber wie sagt man so schön: wer am Ende des Wochenendes furchtbar aussieht, hatte eine gute Zeit!! Die Internetseite zur Highline 179 habe ich euch hier verlinkt.

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Nachdem wir die Brücke zwei Mal überquert haben, wagten wir einen letzten Aufstieg zur Ruine Ehrenberg. Sie ist auf einigen Bildern bereits im Hintergrund zu erkennen, aber wenn man direkt vor ihr steht, sieht sie noch einmal ein ganzes Stück schöner aus. Ich musste die ganze Zeit über an das Dover Castle denken, das wir im Herbst 2014 während unserer Englandreise besichtigt haben. Wenn man sich die spektakuläre Bergkulisse wegdenkt, kann man zwischen den beiden Orten definitiv eine Ähnlichkeit erkennen!

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Als es nach dem Abstieg endgültig nach Hause ging, konnte ich kaum glauben wie schnell das ganze Wochenende vergangen ist. 72 Stunden voll von Stress, Geschrei, Glücksmomenten, Internetsuche und Bergluft liegen hinter mir. Es war schön, anstrengend, lustig, traurig und nervig. Viele Momente werden mir in Erinnerung bleiben, aber einer ganz besonders, mehr als die spektakuläre Brückenüberquerung, mehr als die stundenlangen Gespräche mit meiner Cousine in der Bücherei, mehr als alle anderen. Es war Sonntagmorgen und eine meiner jüngeren Cousinen war spontan zur Rezeption marschiert, um die Turnhalle zu reservieren. Anschließend kehrte sie zum Speisesaal zurück und verkündete stolz, dass die Turnhalle in exakt 15 Minuten uns gehörte. Wir – alle noch beim Frühstück und im Halbschlaf- waren erst einmal leicht geschockt und weniger begeistert, aber in unserer Familie ist es nun mal so, dass man mitzieht, wenn eine Idee im Raum steht. Keine Ausreden. Sonst wären wir ja wohl alle nicht hierher gefahren.

So standen wir 15 Minuten später in der Turnhalle, jeder war mit etwas anderem beschäftigt und wir waren trotzdem alle zusammen. Mein Onkel und meine 13-jährige Cousine lieferten sich ein Fußballduell, unsere beiden Jüngsten robbten beziehungsweise trippelten vor Begeisterung kreischend einem Medizinball hinterher, ich versagte kläglich gegen meine 11-jährige Cousine im Federball und meine gleichaltrige Cousine musste deprimiert feststellen, dass das Pedalo-fahren auch nicht mehr so gut klappte wie damals in der Grundschule ( Hattet ihr das Teil in der Grundschule auch? Ganz ehrlich, das war das Highlight meiner Pausen!!)

Irgendwo in der Ecke spielte mein anderer Onkel still und heimlich Basketball, bis meine Oma von der Bank aus plötzlich grinsend fragte, ob er eigentlich vor hatte, irgendwann auch mal zu treffen.

Schließlich machte mein vierjähriger Cousin die Entdeckung des Tages, er zog ein großes, orange-weißes Tuch aus dem Geräteraum hervor, dass ihr sicher auch noch von der Grundschule kennt. Der Sinn besteht darin, sich im Kreis aufzustellen und das Tuch von allen Seiten hochzuhalten. Damit kann man dann die verschiedensten Dinge machen. Es ergab sich fast von selbst, dass jeder der in der Turnhalle war einen Zipfel in die Hand nahm, sodass sich das Tuch als großes Zelt in der Mitte aufspannte. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie sehr das den Kleinen – und irgendwie auch uns- gefallen hat, die Wellenbewegungen, das Aufplustern und Einsinken des Tuchs. Hätte nur einer losgelassen, hätte es nicht mehr so schön ausgesehen, aber wenn er es rechtzeitig gesagt hätte, hätte jemand anderes den zweiten Arm ausstrecken und das Tuch für ihn halten können, damit er sich schützend darunter stellen kann.

Das, habe ich begriffen, ist Familie. Diese Stunden in der Turnhalle sind mehr Familie als alles andere. Turbulent, wild, anstrengend und wunderschön. Liebe Familie: ich bin so froh dass ich euch habe.

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Das ist vermutlich der unstrukturierteste Beitrag dieses ganzen Blogs, tut mir Leid, aber einen Zeitsprung muss ich zum Schluss noch machen.

Als wir von Reutte ( Tirol) aus nach Hause zurück gefahren sind, sind wir an der Tankstelle vorbeigefahren, an der wir auch auf dem Weg nach Italien vor circa einem Monat gehalten haben. Ich bin damals ausgestiegen, um wenigstens kurz österreichischen Boden unter den Füßen zu haben, nichtsahnend dass ich so kurz darauf doch noch einmal einen ganzen Tag in meinem zweiten Lieblingsland verbringen darf. Dass ich diesen Parkplatz am Sonntagabend wiedergesehen habe, war so ein verrücktes Gefühl, aber irgendwie auch total schön. Ich habe aus dem Fenster auf die Stelle geschaut, an der ich gestanden bin, und hätte ich mein jüngeres Ich da stehen sehen, hätte ich gesagt: „Lächle! Du weißt ja gar nicht, wie viele gute Momente dir gerade bevorstehen!!!!“ Denn seit dem Urlaub in Italien sind großartige Dinge passiert, und das hört nicht auf. Vorgestern war ich noch in Österreich, übermorgen bin ich schon in Frankreich.

Taizé ich komme, und dann bin ich 17 und dann…die Zeit vergeht schon wieder viel zu schnell. Ich hoffe, ich kann hier irgendwie alles festhalten, und keiner könnte diese Zeit besser beschreiben als dieses Zitat:

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Let´s enjoy our good old days :-)- bis dann!