Was ich an Weihnachten gelernt habe

Unglaublich aber wahr: ich bin zurück aus dem Fresskoma. Mein achtzehntes Weihnachtsfest ist vorbei und dieses Jahr war es irgendwie anders als sonst, vielleicht schon deswegen weil ich Ostern dieses Jahr überhaupt nicht gefeiert habe, tausende Kilometer weit weg von Deutschland war das nicht möglich.

Bisher war Weihnachten immer nur ein Ereignis, ein eingetragener Termin, alle Jahre wieder und immer gleich. Vor allem habe ich noch nie so über den Tellerrand geschaut wie in diesem Jahr. Ich glaube das liegt nicht daran, dass ich jetzt größer bin, sondern dass unser Tellerrand niedriger geworden ist. Es gibt kaum eine Chance, dem zu entgehen, was um uns herum passiert und so war Weihnachten 2016 für mich viel mehr geprägt von äußeren Einflüssen als in den Jahren davor. Man hat das ja gemerkt an dem Facebook-Post, den ich an Heilig Abend während dem feierlichen Raclette-Essen verfasst habe.

Ich weiß nicht, ob ich vor einem Jahr um die Zeit alle meine Weihnachtswünsche der Welt an sich gewidmet hätte. Ohne Zweifel sind auch 2015 Dinge passiert, die unbegreiflich sind und sich noch immer auf unser Leben auswirken. Nur, jetzt sind solche Geschehnisse irgendwie schon beinahe Alltag, Normalität, grausame Normalität, die in den nächsten Jahren wieder zur Seltenheit werden muss, wenn wir weiterhin ein gutes Leben führen wollen.

Vor einem Jahr hätte ich keine Angst gehabt, nach Istanbul in den Urlaub zu fliegen…

Jetzt kann ich mich gar nicht entscheiden, ob ich mich mehr vor einem technischen Versagen der Flugzeugmaschine, einer menschlichen Fehlentscheidung oder einem hasserfüllten Anschlag am Zielort fürchten würde. Alle diese Dinge sind dieses Jahr passiert und haben gezeigt: Hallo! Wir existieren! Und egal wie sehr du dich davor sträubst, dich davor zu fürchten, früher oder später wirst du schon Angst bekommen.

Ich bin nur noch ein Bruchteil von der Person, die letztes Jahr noch so laut getönt hat von wegen man dürfte sich nicht einschüchtern lassen von den vereinzelten Anschlägen. Tada, die Anschläge sind nicht mehr vereinzelt, tada ihr habt mich, und ich habe Angst.

Trotzdem hatte ich ein schönes Weihnachtsfest, an dem ich viel gelernt habe, konkret aber drei wichtige Dinge.

1. Menschlichkeit existiert noch

Weihnachten ist bekanntermaßen das Fest, an dem man die heimische Kirche nach vielen Wochen und Monaten mal wieder von innen sieht. Für mich trifft das zwar nicht zu, aber der Heilig Abend mit Wortgottesdienst und Krippenspiel ist trotzdem noch  mal etwas anderes. Leider haben meine Schwester und ich auch an diesem Abend noch nicht das heilige Etwas in uns entdeckt, und so waren wir eventuell etwas gesprächiger als es sich für einen Gottesdienst gehört hätte und dabei etwas lauter als unbedingt nötig. Neben mir auf der anderen Seite saß ein mittelalter Mann, den ich nicht kenne. Am Anfang habe ich mich vor ihm ziemlich geschämt für das was meine Schwester und ich da veranstaltet haben. Er hätte verständlicher Weise genervt reagieren können, weil er dank uns nicht einmal die stillste Nacht des Jahres genießen konnte. Aber als gegen Ende des Wortgottesdienst von vorne die Aufforderung kam, dem Nachbar die Hand zu schütteln und zu sagen: „Dir ist heute der Heiland geboren!“, schüttelte er mir kräftig die Hand und sagte mit einem Grinsen in der Hand: „Ich sag einfach mal: frohe Weihnachten!“ Den Rest des Gottesdienstes sah ich ihn immer mal schmunzeln, wenn meine Schwester und ich unsere Lästereien und Witze vom Stapel ließen, und ich kann gar nicht sagen wie glücklich mich diese kurze Begegnung gemacht hat. Eine Kirche voller Menschen, mehr als nur ein Hauch von Menschlichkeit an diesem Abend. Danke! 🙂

Das mit der Menschlichkeit wurde natürlich auch in den zahlreichen Stunden mit der ganzen Familie noch einmal spürbar. Zwei Tage volles Programm mit allen möglichen Cousins, Tanten und Großeltern waren zwar etwas anstrengend, aber auch eine freundliche Erinnerung daran wie glücklich ich mich schätzen kann. Zwei Tipps: wenn ihr eure Familie mal richtig verzweifelt sehen wollt, fangt mitten beim Essen an, ein Dreieck vom Regal zum Tisch nach Alaska zu spannen 😀 Ich glaube mein Großvater fragt sich immer noch, wem das verdammte Dreieck denn nun gehört…

2. Dankbarkeit, für das was für mich selbstverständlich war

Jedes Jahr an Weihnachten reisen aus der Schweiz ein paar gute Freunde meiner Eltern an, die früher auch hier gelebt haben und in ihrem Alter sind. Es ist immer schön, sie wiederzusehen, und so gab es nach der Kirche an Heilig Abend angeregte Gespräche. Dabei ging es auch um meine Erlebnisse beim Weltjugendtag in Krakau in diesem Sommer. Der Freund meines Vaters war sehr interessiert über das, was ich in diesen 8 Tagen gemacht habe, und je länger wir darüber reden, desto ruhiger wurde er. Als ich ihn darauf ansprach sagte er: „Ach weißt du, als ich so alt war wie du, da wollte ich so etwas auch immer machen, aber ich hatte nie die Chance dazu.“ Und an seinem Gesicht konnte ich ablesen, wie traurig ihn das wirklich gemacht hat, wie sehnsuchtsvoll er meine Beschreibungen verfolgt hat, wie gerne er das Selbe erlebt hätte. Das war für mich ein Moment der kompletten Überforderung, ich stand einfach nur da, wusste nicht was ich sagen sollte. Wahrscheinlich habe ich alles falsch gemacht.

Dieser Satz ist mir im Kopf geblieben. Ich hatte nie die Chance dazu. Ich denke daran, wie ich von diesem Weltjugendtag gehört habe, wie ich zu meinen Eltern gegangen bin und sie ja gesagt und das Geld überwiesen haben. Wie eine lediglich 14-stündige Busfahrt mich dorthin gebracht hat, wo ich die Erfahrungen meines Lebens sammeln konnte was Glaube, Jugend und Internationalität angeht. Während es überall Menschen gibt, die nicht die Chance dazu haben .

So habe ich jetzt, vier Monate nach der Woche in Krakau begonnen, dieses Erlebnis auf eine ganz neue Art wertzuschätzen, dankbar dafür zu sein. Dankbarkeit ist überhaupt so wichtig, sie macht uns zu einem besseren Menschen und ich bin so froh, diesen Satz gehört zu haben. D-a-n-k-e.

3. Was ist das Leben ohne Freunde?

Nichts. Nichts, was es wert wäre dafür zu kämpfen. Wenn ich Freunde sage meine ich alle, denen wir uns verbunden fühle, das muss ja jetzt nicht nur die Clique sein mit der man abends weggeht. Was das ganze Jahr goldwert ist, wird an Weihnachten greifbar wenn man sich Geschenke überreicht, Frohe-Weihnachtenm-Nachrichten verschickt oder sich auch an den Feiertagen persönlich sieht. So sind meine Freundinnen und ich am ersten Weihnachtsfeiertag trotz Fresskoma-Zustand zusammen weggegangen. Auf dem Fest auf dem wir waren war es viel zu eng, heiß und 0,0 weihnachtlich, aber wir waren zusammen und was macht der Rest da schon noch aus. Zusätzlich waren noch Leute aus meiner Stufe da und wir hatten einen so guten Abend wie lange nicht mehr. Das ist auch Weihnachten. Der Abend war wie ein Geschenk .

Vielleicht ist es ganz gut, dass Weihnachten vorbei ist und die ganze Sentimentalität ein bisschen nachlässt. Dumm nur, dass als nächstes der Jahreswechsel ansteht und bereits die nächste Welle an Erinnerungen und Erfahrungen anspült. Juhu 😀

Ich hoffe, ihr alle konntet ein schönes, ruhiges Weihnachtsfest feiern und genießt die letzten Tage des Jahres 2016.

Man sieht sich!