Rathausplatz | Kurzgeschichte

Eigentlich hätte Julius den Umweg gar nicht machen sollen.

Trotzdem stand er wieder auf dem Platz und versuchte, nicht ständig auf die drei Fenster im oberen Stock des Rathauses zu starren. Es war ein warmer Tag gewesen, der zu Ende ging, und es war ein schönes Rathaus, mit der kleinen Freitreppe, an deren Fuße links und rechts je ein Fahnenmast stand. Ein leichter Windstoß fuhr durch den sattroten Stoff, sodass Julius das Hakenkreuz darauf erkennen konnte. Auf dem Rathausplatz war niemand zu sehen, gegenüber war das Gasthaus zum Schwanen verriegelt, die Vorhänge waren vor die Fenster geschoben. Geschlossen stand mit schwarzer Tinte auf einem Schild an der Tür. Die Poststation neben dem Gasthaus lag ebenfalls verschlossen.

Wieder ging sein Blick auf die Rathausfenster, er wartete auf Bewegungen, Schatten, Beweise, dass sein Vater dahinter noch arbeitete.

In Wahrheit saß er wohl wieder regungslos auf seinem Stuhl und hatte die Wand vor ihm fixiert. Er sprach nicht. Nicht über die Stapel an Akten, die mittlerweile den Boden, den Sekretär und den Besucherstuhl bedeckten. Nicht über das unaufhörlich klingelnde Telefon, das einzige des Dorfes hier im Bürgermeistersaal, und am wenigsten über die ordentlich mit einem Nagel an der Wand gegenüber befestigten Bilderrahmen. Vier Stück waren es. Als Julius sie zum ersten Mal gesehen hatte, ein paar Wochen nach dem Unglück, hatte er nicht gewusst, was er sagen sollte. Dass die Porträts von ihm und der Mutter jeweils am äußeren Rand hingen, war in Ordnung. Es entsprach den Rollen, die ihnen nach dem Unglück unausgesprochen zugeteilt worden waren. Aber dass das Bild von ihr, strahlend in der herbstbraunen Uniform des BDM direkt neben dem Bild des Führers hing, löste eine wilde Wut in ihm aus. Keiner außer ihm, war letzten Endes doch Zissas Mörder. Und wenn sein Vater nicht die Beziehungen gehabt hätte, die er hatte, die es ihm erlaubten die Unabkömmlichkeit des Sohnes zur Unterstützung in der lokalen Parteiarbeit geltend zu machen, dann wäre er vielleicht getötet worden, oder er hätte selbst getötet, mit 18 Jahren ein Mörder. Er hörte noch die donnernde Stimme seines Vaters: „Dem Führer geb´ ich meine Tochter.“

Julius zuckte zusammen als von der tiefstehenden Sonne ein Schatten auf das Kopfsteinpflaster geworfen wurde. Es war der der Ursel, der alten Frau die nicht weit von der Bahnstation entfernt in einem kleinen Häuschen lebte. Sieging langsam und gebückt auf ihn zu, auf ihren dürren Armen das Kind. Die Haut unter ihren Augen war blass und durchscheinend.Ihre Tochter, die Wirtin des geschlossenen Schwanes, war auch in dem Zug gewesen. Als die Bomben ihn trafen, war ihr neugeborenes Kind unter die hölzerne Sitzbank gerollt und hatte als einer der wenigen Menschen überlebt. Die alte Ursel aber hatte ihre Tochter verloren, und Julius seine Schwester und dennoch hatte er manchmal den Eindruck, es wäre seine ganze Familie gewesen. Einer davon saß dort oben und schwieg selbst wie die Toten.

Seine Mutter war am Küchentisch in den Tränen um ihre verlorene Tochter versunken, der sie zwar nie besonders nahe gewesen war, aber es war die einzige Tochter und sie war doch gerade erst 20 gewesen und hatte schon so schön und fraulich ausgesehen. Sie war im Bund junger deutscher Mädel aktiv gewesen, hatte das Deutschlandlied mitgesungen und bei Vaters Reden geklatscht.

„Spricht er immer noch nicht?“ Ursel deutete mit dem Kinn zu den Fenstern. Dass der Bürgermeister mit der lauten Stimme dem Schweigen verfallen war, war niemandem im Dorf entgangen. Sie sprachen jetzt noch mehr über ihn als zuvor, das Geflüster über Wahrheit und Lügen, das wie falsche Propaganda durch die Straßen ging. „Wie soll er auch verstehen, was die Wahrheit ist, er hat es ja nicht einmal bei seiner gescheiten Tochter bemerkt.“ Ursel hatte ihre Stimme gesenkt und schüttelte den Kopf. „Jeder hätte es sehen können, es stand ihr ja in den Augen.“ Ein hastiger Blick zu den oberen Fenstern des Rathauses, sie waren verschlossen. Julius holte Luft, doch die Frau winkte ab. „Sag nichts.“ sagte sie nur und ging dann langsam, mit beruhigender Stimme auf das Kind einredend, weiter.

Er musste sich darauf besinnen, wieso er aufgebrochen war. Nicht wegen seiner Schwester, die nicht einfach wieder vor ihm auf der Treppe sitzen und ihn aus ihren hellen, klugen Augen ansehen würde, als sei er ein kleines, unwissendes Kind, und auch nicht wegen des Vaters, der dort oben Hasstiraden auf den Feind verfasste. Seit jenem Februartag des Unglücks war er darin gefangen. Deswegen hatte Julius begonnen, seine Aufgaben für die Familie zu übernehmen. Er fuhr jetzt mit dem Zug in die Stadt, um die Lebensmittelmarken zu holen, wie es früher Zissa getan hatte, bevor sie davon nicht mehr zurückgekommen war.

Es waren nach dem Luftangriff nicht weniger Passagiere geworden als zuvor. Die Menschen mussten trotzdem mit dem Zug fahren, für die Einkäufe, die Lebensmittelmarken, Arztbesuche. Sicher war man ohnehin nirgendwo mehr.

Der Zug bretterte über die Schienen, durch ein aufgeschobenes Fenster drang der Lärm der Räder ins Innere. Aber es war still in den Zügen seither. Noch stiller, wenn er in das Abteil trat. Unter dieser Still lag ständig das Geflüster. Oft waren es nur angefangene Sätze gewesen, wie schreckstarr abgebrochen beim Anblick der Bürgermeistersohnes, Bruchstücke eines Mosaiks.

Er hatte dem Vater nichts davon erzählt, hatte einfach geschwiegen und von sich abgeschüttelt, was sie sagten. Er hatte stattdessen an das Heil geglaubt, und an die Kraft des Volkes, ein Gerüst, das erst jetzt zu schwanken begann.

Zissa war anders gewesen als er.

„Heute habe ich sie wieder gehört.“ „Wen?“ hatte Julius gefragt. Zissa strich sich eine ihrer widerspenstigen braunen Haarsträhnen hinter das Ohr, sie glitt ihr sofort zurück ins Gesicht. Sie waren das letzte Stück nach Hause gerannt, die Schule war längst zu Ende gewesen und die Eltern schon früher zuhause. Sie war am Gartentor stehen geblieben, die Klinke in der Hand. „Den Franz und den Fabian. Sie haben gesagt, dass die alte Ursel gesagt hat, wir könnten es ohnehin nicht mehr gewinnen.“

„Und das glaubst du ihnen?“

Sie hob den Kopf. Ihre Wangen waren gerötet.

„Ich vertraue dir.“ sagte sie, als wüsste sie, woran Julius gedacht hatte. „Ich weiß, dass du Vater nichts davon erzählst.“ Und sie hatte ihn angesehen, als wäre sie nicht zwei, sondern zwanzig Jahre älter als er.

Später, als er mit den Lebensmittelmarken in der Tasche aus dem Zug stieg, war es schon dunkel. Ob der Vater schon zuhause war?, frage er sich, als er den Rathausplatz noch einmal betrat. Da sah er, dass hinter den Scheiben der Fenster noch Licht brannte, die Silhouette des Vaters, die sich an der Wand hin und herbewegte, schließlich innehielt. Julius konnte sehen, wie sein Vater die Hand ausstreckte. Eine zärtliche Geste, wahrscheinlich berührte er einen der Bilderrahmen, aber von hier unten war es unmöglich zu sehen, welcher es war.