Nur ein neuer Anschlag? #PrayForStPetersburg

Und, was hast du heute gemacht?

Ich war in der Schule, dann habe ich mich über Chemie geärgert und bin mit meiner Familie essen gegangen.

Und gestern?

Mittagsschule, Sport. So ätzend. Ich war froh, als ich zuhause war. Hast du gewusst dass man Nudeln besser nicht vor dem Joggen essen sollte?

Vor einem Jahr und 5 Monaten fiel in Paris der erste Schuss, am 13.November 2015, ein Tag der den Menschen in Erinnerung bleibt. Nach dem Anschlag auf die Twin Towers in New York bedeuten die Terroranschläge von Paris eine neue Welle des Terrors, ein weiterer Angriff auf die freiheitlichen Werte der westlichen Gesellschaft. 129 Menschen sterben bei Terrorattacken im Bataclan,  in Cafés, am Stade de France. Das geschieht in einer Nacht, Minuten nach dem Anschlag verbreitet sich im Internet der Hashtag #PrayForParis. Er ist einfach überall, es gibt keinen Promi, keinen großen Account, der nicht sein Beileid ausspricht. Stimmen werden laut von Usern, die den Verbreitern des Hashtags Heuchelei unterstellen und mit dem Elend argumentieren, das in armen Ländern tagtäglich ungeachtet weitergeht. Konflikte entstehen, aber auch die große Botschaft: Diese Welt braucht den Terror nicht.

Ich weiß den ganzen Samstag über nicht, was ich denken soll, fühle alles auf einmal und überhaupt nichts. Ich setze mich an den Laptop und schreibe einen Blogpost, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken ob das notwendig ist, ob das jemand lesen will was ich darüber denke. Ich tue es, weil das aus mir rauswill, das Unverständnis, die Wut, die Frage wozu Menschen fähig sind und wie die Zukunft aussehen soll.Als im Radio darüber berichtet wird, wie in Paris die Menschen Schlange stehen um den Verletzten Blut zu spenden, heule ich. Vielleicht hatte ich sie damals schon, die Angst, dass das Unglaubliche zum Alltag wird.

Ist genau das jetzt passiert? 4 Monate nach Paris: Brüssel. Wieder eine Explosion, wieder Tote und der Hass radikalisierter Islamisten gegenüber der westlichen Lebensweise. Dass Brüssel getroffen wird wirkt aufgrund des dort ansässigen Europaparlaments wie ein Schlag ins Gesicht der EU. Das ist ein Tag vor meinem Abflug nach China, und ich habe solche Angst.

Dann kommt Nizza, ich schreibe einen französischen Blogpost mit grauenvollen Grammatikfehlern und dem Wille, meine Leidenschaft für Frankreich auszudrücken und wie Leid es mir tut für die Leute, die den Alptraum noch einmal durchleben müssen.

Kurz darauf wird in Frankreich ein Priester erschossen, mit Würzburg und Ansbach hält der Terror in Deutschland Einzug. Außerdem Orlando, immer wieder hören wir von kleinen Aufruhren, hat es sie vorher schon gegeben, vor Paris und der Erkenntnis, dass der Terror nicht mehr zögert?

Als der erste Jahrestag von Paris kommt, kann ich es kaum glauben, dass das tatsächlich schon 365 Tage her sein soll, und ich bin froh, dass wir damals nicht schon in die Zukunft sehen konnten.

Dann geschieht Berlin, der Eiffelturm in Schwarz rot Gold wie vor einem Jahr und einem Monat das Brandenburger Tor in blau weiß rot. Da war sie da, die Sprachlosigkeit, die gerade so einen Blogpost gefüllt hat. Über Frankreich habe ich glaube ich vier geschrieben.

Am Ende des Dezembers sind alle sich einig: 2016 war – in Bezug auf Frieden und Sicherheit- ein Scheißjahr für die Welt. Wie viele Schüsse und Bomben musste sie erleben in nur einem Jahr?

Vielleicht wird 2017 besser, denken wir, und dann überzeugt uns London vom Gegenteil. Und während ich am Montag joggen war oder Nudeln gegessen habe oder erleichtert die Haustüre geöffnet habe, ging in St. Petersburg eine Bombe hoch, ein zweiter Sprengsatz konnte noch geborgen werden. Das hätten sie nicht erwartet, die Menschen in St. Petersburg, in Russland,in Europa.

Eigentlich erwarten wir gar nichts mehr. Wir prognostizieren nicht mehr, wir sehen. Wir warten ab, angstvoll und resigniert, dann stecken wir ein.

Auf keinen Fall möchte ich kritisieren, dass ich beispielsweise nach dem Anschlag von St. Petersburg nur sehr wenige Posts gefunden habe, die mit #PrayForStPetersburg ausgestattet waren. Schon als nach Paris über die Richtig- und Notwendigkeit dieser Posts diskutiert hat, hielt ich die Fragestellung ob so etwas gemacht werden muss für überflüssig und sinnlos. Jeder hat das Recht darauf, so zu trauern wie er möchte, und letztendlich tut es nichts zur Sache, ob da jetzt ein Hashtag steht oder nicht.

Es macht mir nur Angst, dass die Tage an uns vorüberziehen, ohne groß rauszustechen, egal ob ein Anschlag passiert ist oder nicht. Wer mich fragt, wann in Paris das Feuer eröffnet wurde, würde sofort eine Antwort bekommen, 13. November, unvergesslicher Tag. Auch Brüssel. Aber was ist mit Nizza, und wann hat in meinem eigenen Heimatland jemand Menschen mit einem Lastwagen überrollt?

Wo ist sie hin, meine Betroffenheit, die Wut und der Drang, etwas zu ändern? Wo sind die Entschlüsse, dem Terror die Stirn zu bieten, wo die Befürchtung, daran zu scheitern? Alle Gefühle scheinen verschwunden und ich will das nicht, kann aber nichts dagegen tun. Und wenn ich einen Blick auf die sozialen Netzwerke werfe, fällt mir auf, dass ich damit nicht alleine bin.

Ich will nicht, dass die Leute wieder Hashtags posten. Oder Kerzenbilder. Ich will dass unser Kampfgeist zurückkehrt, mit dem wir den freiheitsfeindlichen Bewegungen gegenüberstehen. Ich will das Einheitsgefühl, die Entschlossenheit und die Zuversicht, nur um selber auch wieder ein bisschen davon zu bekommen. Ich habe einfach nur Angst, dass wir uns dem Terror hingeben, dass wir jetzt so resigniert und ausgelaugt sind, dass wir sagen: „Dann komm doch. Dann zerstör sie doch, unsere jahrelang aufgebaute westliche Kultur.“ Dann haben sie ihr Ziel erreicht, dann haben sie es geschafft.

Wenn ich jetzt diesen Blogpost poste, und dann ein #PrayForStPetersburg mache, dann mache ich das nicht, um zu heucheln oder durch die Blume zu sagen: Seht nur wie vorbildlich ich bin, dass ich das mache, nehmt euch ein Beispiel! In St. Petersburg sitzen jetzt Menschen, die das Wichtigste in ihrem Leben verloren haben. Für sie spielt es keine Rolle, wie viele Opfer es insgesamt gibt und wie viele Menschen das per Facebookstatus bemitleidet haben. Das Brandenburger Tor kann in den russischen Farben leuchten so lange es will, das macht keinen Menschen wieder lebendig. Es kann ihnen aber Mut spenden.

Was ich auch noch sagen will: ich finde, keiner sollte Geschehnisse auf der Welt näher an sich ranlassen, als es ihm guttut. Es bringt nichts, sich zwanghaft schlecht zu fühlen, weil irgendwo etwas passiert ist. Man sollte nicht sein Leben nicht mehr leben, oder alles verkrampft mehr genießen „weil es ja jederzeit vorbei sein könnte“. Wir müssen uns nicht verantwortlich fühlen für das, was geschehen ist, wir dürfen uns aber verantwortlich fühlen, die Zukunft besser zu machen.

So viel schlimmes, unnötiges, unverständliches passiert in der Welt, aber wir sind da nie alleine, und das ist gut zu wissen!

Wie soll ich lesen, über herrliche Verheißung

wann soll ich handeln, nach einer stillen Weisung

was soll ich glauben, an Sinn in allen Dingen?

wenn alle Tage mich durcheinander bringen

Was ist gerecht, an zerstörten, kleinen Zielen

es kommt mir vor, als würden wir nur spielen

als sein wir eine bunte Spielfigur

für uns wird entschieden und wir folgen nur

nennen wir das schön, worauf man uns stellt

so leicht zu sagen, und das Schwerste auf der Welt