La mia vita a Lipari | 4 Wochen auf einem Vulkan

Look at the stars

Look how they shine for you 

And every thing you do

They where all yellow. 

-COLDPLAY


Eine Woche und zwei Tage sind vergangen seit ich Stromboli verlassen habe und nach Lipari übergesiedelt bin. Dort bin ich immer noch, und werde es vermutlich auch bleiben, bis es zurück nach Deutschland geht. Daran will ich im Moment am liebsten noch gar nicht denken, weil das bedeutet, mein Leben hier zurück zu lassen. Und das hat doch gerade erst begonnen!

Die vier Tage, die ich im Baia Unci Hostel verbracht habe, vergingen unglaublich schnell. Es fiel mir sehr schwer, mich von meinem kleinen Zimmer, Francesca und Giovanni zu verabschieden. Zwei Tatsachen haben den Umzug allerdings erleichtert.

1. Meine neue Unterkunft ist eine Wohnung exakt zwei Straßen weiter.

2. Ich werde- in Ermangelung einer Alternative – am 22. September wieder zurück ins Hostel kommen.

Die Wohnung gehört mir nämlich nur für eine Woche und weil ich einfach absolut niemanden gefunden habe, der mich noch aufnehmen könnte, ist die Rückkehr ins Hostel die einzige Möglichkeit. Dort werde ich dann noch bis Donnerstag, den 27. September bleiben, bevor ich mich auf die drei tägige Heimreise mit Zwischenstopp in Neapel mache.

Die Wohnung, in der ich gerade lebe, ist riesig und vielleicht war sie daran schuld, dass ich mich nach meinem Umzug am Samstag erst einmal etwas  verloren gefühlt habe. Es lief zwischenzeiich nicht so gut mit meinen Recherchen (gefühlt die ganze Jugend Liparis scheint im Ausland zu sein) und ich hätte alles dafür gegeben, diese Wohnung nicht alleine, sondern mit meinen besten Freunden zu bewohnen, die mir von Tag zu Tag mehr fehlen. Dieses Wochenende war, da bin ich mir ziemlich sicher, das Tief, das jeder zis-Reisende oder generell jeder Reisende irgendwann im Laufe seiner Reise erlebt. Plötzlich hat man keine Augen mehr für die Schönheit, die einen umgibt. Das Meer war für mich nicht länger glitzern blau, sondern einfach nur eine unüberwindbare Distanz, die mich von meinem gewohnten, vermissten Leben in Deutschland trennt.

Mit diesen äußerst heiteren Gedanken habe ich mich am Sonntagabend nach Lipari Stadt zu einem Gesprächstermin gezwungen, den ich mit einer Trekking Agentur vereinbart hatte. Kurz vor Betreten von ihrem Büro hatte ich den selben wieso-zur-Hölle-mache-ich-das-eigentlich-Moment wie bei meiner Ankunft auf Stromboli.

Und dann wurde, genau wie damals, von einer Minute auf die andere alles gut.

Ich hatte ein sehr sehr schönes und interessantes Gespräch mit den Guides der Trekking Agentur, dass in einer Einladung für eine Wandertour am nächsten Tag endete. Als ich das Büro verließ hatte ich das Gefühl, über der Straße zu schweben. Wieder hatte ich meinen Unmut , fremde Leute anzusprechen, überwunden, wieder hatte ich das Gefühl, dem Kern der Äolischen Inseln etwas näher gekommen zu sein. Wie ein Mosaik, das sich nach zu einem bunten Bild zusammenfügt.

Es war schon dunkel, eigentlich hätte ich mein Fahrrad nehmen und nach Hause fahren können. Hätte ich nicht in diesem Moment die Musik gehört, die aus einer Seitenstraße unterhalb des Schlosses zu mir hinüber schwang.

How long how long will I slide? Separate my side… 

Als ich in die Straße einbog, sah ich eine dreiköpfige Band, die sich auf der Terrasse einer Bar positioniert hatte und noch fast kein Publikum hatte. Ich ließ mich auf den Bordstein sinken und hörte einfach nur zu. Nach The other side sangen sie What’s going on , Wonderwall und Yellow von Coldplay. Dieses Lied hatte ich schon Tage zuvor ständig vor mich hin gesungen, ich weiß nicht wieso, und später hörte ich es noch einmal auf offener Straße in Lipari Stadt aus irgendeinem Geschäft spielen. Jetzt verbinde ich es wohl immer unweigerlich mit dieser Insel. Und mit dem Abend auf der Straße, auf der ich einfach nur saß und zuhörte und vor mich hin lächelte. Ich blieb nicht lange alleine, viele Menschen setzten sich neben mich um zuzuhören. Ein älteres Ehepaar tanzte zu den langsamen Liedern Walzer mitten auf der Straße. Zwischen den Häusern der Gasse sah ich Sterne aufblinken. Und einmal fing der Sänger meinen strahlenden Blick auf und lächelte mich an. Gern geschehen, sagten seine Augen, die die Dankbarkeit in meinen erkannt hatten.

Ich summte immer noch, als ich zuhause war.

Man könnte sagen, dass mein Leben von dem Besuch der Trekking Agentur wieder von Null auf hundert ging.

Plötzlich war es schon Montagmorgen und ich stand mit Flavia, dem Nesos-Tourguide, und ihrer heutigen Gruppe irgendwo im nirgendwo auf einem Berg von Lipari.“Das“ sagte Flavia, „ist das älteste besiedelte Gebiet Liparis. Als dort die ersten Menschen wohnten gab es den Berg da drüben noch nicht.“ Und dann begann eine atemberaubend schöne Tour durch den Nordwesten von Lipari. Durch die Kaolinfelsen, die aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung in allen möglichen Farben leuchten, weiter zu Wegen, die von Kristallen übersät sind. Und immer wieder unglaubliche Aussichten auf die felsige Küste und das Meer unter uns. Wir sahen Becken, in denen einst die Römer und Griechen ihre Bäder genossen hatten, und erreichten schließlich den Strand Valle Muria, von wo aus wir ein Boot zurück nach Lipari Stadt nahmen.

 

 

Noch viel, viel schöner als die Orte, die ich gesehen habe, sind die Menschen, die ich an ihnen kennenlernen durfte. Ich war mit einer Gruppe von rund 15 älteren Frauen aus Bergamo, Norditalien unterwegs, die jedes Jahr zusammen auf Reise gehen. Sie haben mich behandelt, als wäre ich ihre eigene Enkelin, haben ihr ganzes Englisch zusammengekratzt, mir Nüsse, Tomaten, Pfirsiche und Weintrauben zugesteckt und versucht, mir neue italienische Worte beizubringen. Ich habe mich auf Anhieb so geborgen und aufgenommen gefühlt! Eine der Frauen hatte ihren 28 jährigen Sohn dabei. Davide arbeitet in Mailand auf einer Bank und konnte hervorragend Englisch. Wir haben den ganzen Tag damit verbracht, uns über alles mögliche zu unterhalten: Reisen, Bücher, Mathematik, Politik, unser Leben auf den Inseln, unser Leben abseits der Inseln. Ich habe es so genossen, nach den etwas einsamen Tagen wieder so viel Reden zu können und so viel Neues zu hören.

Und das alles nur, weil ich mich zu dem Gespräch mit der Trekking Agentur gezwungen habe!

Am nächsten Tag wurde mein wahrscheinlich größter Wunsch für die ganze Reise erfüllt: ich durfte mit der Gruppe nach Filicudi fahren!! Filicudi ist eine etwas vom Rest des Archipels abgeschottete Insel, und schon als ich mich bei zis beworben habe, habe ich leise gehofft, dass mir die zweite Reise auf die Äolischen Inseln die Möglichkeit gibt, Filicudi oder Alicudi kennenzulernen. Das habe ich im Gespräch am Sonntagabend beiläufig erwähnt, und deswegen hat mir Flavia am Montagabend mit einem Lächeln eröffnet, dass ich gerne mitfahren könnte.

Es war der schönste Tag überhaupt! Filicudi ist eine so magische Insel. Ich habe auf Stromboli Rewards of life gelesen, die Autobiographie eines nach Amerika emigrierten, aber in Filicudi aufgewachsen Mannes. Jetzt verstand ich seine unstillbare Sehnsucht nach dieser Insel irgendwo im tyrrhennischen Meer sehr gut.

Als wir am Strand an der Südküste eine Badepause einlegten, lernten wir Sam und Adelaide kennen, ein Pärchen aus London, das hier Urlaub machte. Adelaide hatte in Heidelberg Deutsch studiert und so konnte ich endlich mal wieder frei heraus Deutsch reden (wenn auch kein Schwäbisch). Es war toll, sie kennenzulernen, und es hat mich sehr gefreut, als Adelaide unvermittelt mitten im Gespräch sagte: „Your English is perfect!“ Mein Englisch war drei Monate nach der letzten Schul-Englischstunde sicherlich alles andere als perfekt, aber das Kompliment nahm ich trotzdem gerne an. Ich liebe es auch einfach so, Englisch zu reden! Das merkt man auch auf meiner sommertinte-Instagramseite. Ich finde es ja selber dumm dass nahezu sämtliche meiner Captions auf Englisch sind, aber irgendwie kann ich das gar nicht steuern, es fließt einfach aus mir heraus. I’m sorry! 

Durch Filicudi zu laufen war ungefähr so, als würde man die Küstenregionen von ganz Europa innerhalb von zwei Stunden sehen. Mal sieht es aus wie in Griechenland, mal wie die portugiesische Algarve, dann wieder wir die Kliffhänge in Irland. (Nicht dass ich an einen dieser Orte schon einmal war, ich stelle es mir nur genau so vor).

Fakt ist :Ich habe wunderschöne Orte gesehen, die ich nie wieder vergessen werde!

Zurück in Lipari lud mich die Reisegruppe ein, mit ihnen im Restaurant zu Abend zu essen. Es war 1. Sehr lecker im Vergleich zu meinen sonstigen Fertiggerichten, 2. Sehr erfolgreich, weil ich endlich den für die Äolischen Inseln typischen Malvasia-Wein probieren (und genießen!) und 3. Wunderschön, noch einmal mit der Gruppe zusammen zu sein ohne über irgendwelche Berge zu laufen dabei. Beim Abschied gab es Umarmungen, Küsschen links und Küsschen rechts und Versprechungen, sich wiederzusehen.

Tatsächlich wurde letzteres zwei Tage später erfüllt, als ich durch die Hauptstraße von Lipari Stadt schlenderte und die Bergamer gerade abfahrbereit im einem Straßencafé auf die Fähre nach Milazzo warteten. So konnten wir alle noch mal Ciao sagen – und dann aber endgültig arrivederci 🙂

Ich weiß,, ich sage es viel zu oft, aber die Zeit hier geht einfach viel zu schnell vorbei. Heute ist schon Freitag, was bedeutet dass ich in einer Woche um die Zeit nicht mehr auf den Inseln bin, sondern schon in Neapel. Ein Gedanke, der – gelinde gesagt- Panik in mir auslöst. Ich weiß nicht, was mir in Deutschland mehr fehlen wird. Die Inseln mit all ihrer Schönheit, der vertraute Anblick von Canneto und die Menschen, die ich im Laufe der Zeit kennengelernt habe, oder das Leben das ich hier führe. Es ist ein so selbstbestimmtes Leben. Jeden Morgen wache ich auf und frage mich, was der Tag mir bringen wird. Manchmal stehe ich zum Sonnenaufgang auf, manchmal schlafe ich bis zehn. Manchmal mache ich mir pünktlich etwas zum Mittagessen, manchmal findet das erst um 16:00 Uhr statt. Jeden Tag lerne ich neue Menschen kennen, und fast alle, die ich schon getroffen habe, kennen sich untereinander auch. Wenn ich durch die Straßen von Canneto und sogar von Lipari Stadt laufe, rufen mir so viele bekannte Gesichter „Ciao!“ entgegen. Und wenn ich abends aus dem Bus steige und die Häuserreihen von Canneto im Straßenlaternenlicht sehe, fühlt sich das nach Zuhause an.

Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich weiß, dass ich ein Mensch bin, der schnell dazu neigt, andere Orte in einer gewissen Form als „zuhause“ zu bezeichnen. Der Campingplatz Marina di Venezia beispielsweise war jahrelang für mich wie mein zweites Zuhause, weil wir jeden Sommer dort verbracht haben. Wenn ich jetzt wieder hinfahren würde, würde sich das vertraute Gefühl sicher auch schnell wieder einstellen. Auch die unscheinbare Waldlichtung fünf Kilometer von meinem Heimatort entfernt wird während dem jährlichen Zeltlager irgendwie zu meinem Zuhause, wenn auch nur auf Zeit. Und jetzt spüre ich das selbe mit Canneto. Seltsamer Weise mehr als auf Stromboli, obwohl ich dort auch eine sehr intensive Zeit erlebt habe. Ich glaube, auf Stromboli war alles neu und magisch, hier ist alles vertraut und tröstlich.

Heimat und Zuhause zu definieren – bei der Deutsch-Langzeitklausur habe ich das in 16 Seiten nicht geschafft. Hier wird das also erst recht nichts, aber wenn ich es in wenigen Worten zusammenfassen müsste, ich würde sagen: zuhause ist all das, wo man sich wohlfühlt, wo man zu 100 Prozent man selbst sein kann und wo man Menschen hat, auf die man sich verlassen kann. In Canneto ist das für mich genauso wie in Inneringen, aber Inneringen ist meine Heimat. Dort bin ich aufgewachsen und natürlich ist das noch einmal etwas anderes als dieses kleine Dorf am Strand, in dem ich nach meiner Abreise insgesamt vier Wochen meines Lebens verbracht habe.

VVielleicht empfinden es viele auch als lächerlich, dass ich dazu tendiere, so schnell andere Orte als Zuhause zu bezeichnen. Das kann ich keinem übel nehmen. Für mich ist es aber ein schönes Gefühl, eine Art Reichtum. Je mehr man sich in der Welt Zuhause fühlt, desto schöner ist es doch. Und die Gabe, sich an fremden Orten schnell wohl zu fühlen, ist sicher hilfreich, denn wer weiß wo uns das Leben noch überall hintreiht. Muriel Rukeyser hat zum Beispiel einmal gesagt : The journey is my home. So fühle ich mich gerade auch.

Trotzdem ist nicht jeder Ort, an dem wir eine längere Zeit leben, automatisch zuhause. Es braucht eben doch einen kleinen Funken Magie, und hier erlebe ich ihn jeden Tag.

Canneto und Lipari und die Äolischen Inseln und Italien zu verlassen, erscheint mir gerade noch unmöglich. Und gleichzeitig sage ich mir:

How lucky am I to have something that makes saying good bye so hard? 

Bevor es so weit ist, genieße ich aber noch meine letzte Woche in vollen Zügen und hoffe, dass ihr – wo immer ihr gerade seid – das selbe tun könnt.