Isolata e arrivederci | 4 Wochen auf einem Vulkan

You can’t see the light
No, you can’t see the light
Your world – your world’s so frail

But wait – too late to agonize
Over what could have been
It’s our fate
Just keep your head up high tonight

STANFOUR


 

Menschen tendieren dazu, ihrem Leben einen Plan zuzufügen. Uns hilft das, um weiterzumachen, Schritt für Schritt auf ein großes Ziel hin, oder auf viele kleine. Wir können uns darauf freuen und die Minuten vor dem Einschlafen damit verbringen, geplant Tage in der Zukunft in unserem Kopf abspielen zu lassen. Wie wir es gerne hätten, wer wann was sagen muss, damit es am besten ist.

Dass diese Pläne nicht immer genauso in Erfüllung gehen, ist altbekannt und trotzdem immer wieder aufs Neue eine große Überraschung. Viel schwieriger ist es aber, wenn wir überhaupt nicht mehr planen können, wenn wir nicht einmal mehr wissen wo wir uns in 24 Stunden aufhalten und wie die nächsten paar Tage aussehen, weil wir einer höheren Gewalt ausgesetzt sind, die wir nicht beeinflussen können. Diese Erfahrung durfte ich – zusammen mit vielen anderen – in meinen letzten Tagen auf Lipari machen. Aber vielleicht sollte ich noch früher anfangen.

Dort, wo ich noch gar nicht an das Ende meiner Reise dachte. Dazu lebte ich viel zu sehr im Jetzt, etwas das mir die Menschen beigebracht hatten, die hier leben. Eine Frau, mit der ich gesprochen hatte, hatte im Spaß gesagt, die Menschen auf Lipari seien teilweise etwas fatalistisch eingestellt. Etwas positiver formuliert hatte ich persönlich den Eindruck, dass sie sehr auf die Gegenwart fokussiert sind und eben nicht so viele Pläne aufstellen, die dann später ohnehin durchkreuzt werden.

Im Hier und Jetzt traf ich mich jeden Tag mit anderen Menschen, führte viele Gespräche und aß noch mehr Granita. Langsam fügten sich die Dinge, die ich in allen Recherchen gesammelt hatten zu einem festen Bild zusammen. Man könnte auch sagen: ich verstand den Gesamtzusammenhang. Das machte es deutlich leichter, präzise Fragen zu stellen und letzte Lücken zu schließen. Einmal ging ich sogar in die Kirche, weil ich schon immer einmal einen italienischen Gottesdienst besuchen wollte. Meine Haut wurde brauner, und als ich eines Abends mit einem Mädchen in meinem Alter in einer Bar saß und Weißwein trank, fühlte ich mich fast, als würde ich hier her gehören. Auch, weil sie bei unserer Begrüßung gesagt hatte, dass ich wirklich aussah wie jedes andere italienische Mädchen auch.

Ich fühlte mich tatsächlich sehr italienisiert in dieser Zeit. Die Gelassenheit, Entspannung und Spontanität, mit der die Leute hier ihren Tag angehen war zumindest in gewisser Weise auf mich über gegangen.

Einmal entschied ich mich spontan und alleine, zu der Cave di pomice zu fahren, dem ehemaligen Bims-Abbauwerk. Im 19. und 20. Jahrhundert hatte dieser Stein der Insel großen Wohlstand und wirtschaftliche Stärke beschert. Dann sank der Bedarf an Bimsstein, der Abbau wurde gestoppt.

Das erste, was mich an dem Abbauwerk direkt an der Ostküste erwartete, war Stille. Nichts. Die weißen Felsen ragten majestätisch in die Luft, darunter befanden sich die heruntergekommenen Fabrikgebäude und die stillgelegten Förderbände und Leitungen. Obwohl sie mit Pflanzen bewachsen und stellenweise von Rost bedeckt waren, obwohl an einer Fabrikwand ein völlig zerdelltes, rostendes Auto lehnte, obwohl ich von Plänen gehört hatte, aus diesen Ruinen ein Hotel zu machen, erschien es mir, als wäre es plötzlich wieder 1950. Als hätten die Mitarbeiter gerade kurz Mittagspause und würden irgendwo auf dem Gelände im Schatten sitzen. Als würde in der Luft noch das Getöse und Geratter der Förderände hallen und winzige Partikel von Bimsstein umher schweben. Die mit Holzbrettern und Metallschranken abgesperrte Landungsbrücke aus Stahl ragte gespenstisch ins Wasser. Und dieses Wasser, es zog alle meine Blicke auf sich. Ich hatte noch nie in einem einzigen Meer so viele verschiedenen Töne von Blau gesehen. Ich verbrachte Stunden damit, auf einem großen Stein zu sitzen, die Wellen unter mir zu fühlen und nachzudenken – über ungefähr alles.

Langsam, ganz langsam schlichen sich Gedanken an den Abschied in das Paradies. Es fing an, nachdem ich von der großen Wohnung zurück ins Hostel gezogen war. Es war Samstag, am Donnerstagabend würde ich abreisen, und das kleine Zimmer, von dem ich mich sieben Tage davor verabschiedetet hatte, war meine letzte Reisestation. Von da an genoss ich die Morgende und Abende und alles dazwischen noch ein bisschen mehr. Ich saß bis spät abends am Meer und sammelte die grünen Steine, die man nur auf den zweiten Blick zwischen den unscheinbaren Kieseln entdecken kann.

Ich hatte diese genaue Vorstellung davon, wie ich am Donnerstagabend in der Dämmerung mit der Fähre davon fahren würde. Wie ich am Freitag in Neapel noch auf Entdeckungstour gehen, vielleicht sogar Pompeij besichtigen würde. Und ich sah mich in der Nacht meines 19. Geburtstags zwischen allen meinen Freunden auf der Cocktailparty stehen ( Kurze Erklärung: ja ich hatte ursprünglich vor, am 03. Oktober noch auf den Inseln zu sein aber das Geld hätte niemals gereicht haha).

Diese Pläne hätte ich vielleicht bis zum letzten Tag behalten, wäre ich nicht an jenem Montagabend meiner letzten Woche noch am Strand von Canneto gestanden. Ein Zufall, nichts weiter, und genauso zufällig begegnete ich einer deutschen Frau, die ich seit einer Woche kannte, eine Freundin der Hostel-Besitzerin. Sie war immer den ganzen Sommer hier, wollte aber auch in der kommenden Woche zurück nach Deutschland reisen. Als wir uns darüber unterhielten, sagte sie beiläufig: „Ja, da soll ja dieser Sturm kommen. Ab morgen wird das Wetter hier deutlich schlechter, mal sehen ob die Fähren dann überhaupt fahren.“ Ich starrte sie an. Ich meine – ja, ich hatte die kühlere Wettervorhersage durchaus registriert und mich, dumm und naiv wie ich war, sogar noch gefreut, dass die langen Hosen in meinem Gepäck doch nicht nur Platzverschwendung waren. Aber dass der Wind ja eventuell die Schifffahrt beeinflussen könnte, hatte ich überhaupt nicht in Betracht gezogen. Obwohl mir doch hunderttausend Leute davon erzählt hatten, wie abgeschnitten die Inseln im Winter waren!

Die Frau schien meinen Schreck gar nicht bemerkt zu haben und sprach fröhlich weiter. „Das passiert hier ab dem Herbst ja ständig. Und dazuhin ist heute noch Vollmond, meine Freundin sagt, danach wird das Wetter immer richtig schlecht. Wobei die Laurana wohl auch bei Sturm manchmal noch fährt. Da übergeben sich dann immer alle. Lustig, nicht?“ „Mhhm,“ machte ich tonlos. Super lustig. „Jetzt mal sehen.“ ruderte die Frau schnell zurück. „Bis Donnerstag kann sich auch noch viel ändern, ich würde mich da jetzt mal noch nicht verrückt machen. Gute Nacht!“

Mach dich nicht verrückt – leichter gesagt als getan. Ich jedenfalls machte mich in den nächsten Tagen äußerst verrückt. Erstens, weil mein Finanzplan im Falle eines Festsitzens keine weitere Nacht im Hostel verkraften konnte. Zweitens weil ich Angst hatte, dass die Fähre trotz Sturm aufbrechen und ich die ganze Nacht durchkotzen müsste. Ich war zwar noch nie seekrank, aber ich war auch noch nie 13 Stunden auf einem wild schaukelnden Schiff gesessen. Und seit ich denken konnte hatte ich an Emetophobie grenzende Angst vor dem Übergeben. Meine dritte Angst lag darin, dass die Fähre ihre Abfahrt von Donnerstag nicht so schnell wie möglich nachholen, sondern erst am Montag das nächste Mal regulär aufbrechen würde. Zum einen wegen dem ersten Punkt, ich hatte schlichtweg kein Geld mehr für weitere vier Tage Aufenthalt, und zum anderen weil ich dann meinen Geburtstag weder auf Lipari noch zuhause feiern würde, sondern im Fernbus. Oh wow – es gibt sicherlich schönere Orte.

An diesem Punkt hatte ich meine vermeintlichen italienischen Charakteristika dann auch schon wieder verloren. Ich lebte ganz und gar nicht im Moment und von Entspannung gab es keine Spur. Tag für Tag stand ich in der Biglietteria von Siremar und erfragte den aktuellen Stand (den niemand genau kannte). Dazwischen stand ich am Meer und beobachtete fasziniert, was der Wind mit dem Meer machte. Es herrschten meist um die 70 km/h pro Stunde und aus dem gemütlichen Gewässer, in dem ich mich noch vor Tagen hatte treiben lassen, war ein Wildwasserbad geworden. Die Wellen türmten sich gigantisch hoch auf, bevor sie mit einem lauten Geräusch brachen. Zum ersten Mal verstand ich, wozu die hüfthohe Mauer, die den Strand vom Gehweg abtrennte, wirklich da war. Dort, wo sie Lücken hatten, damit die Leute den Strand betreten konnten, rollten die Wellen bis auf die Straße und mit ihnen eine Menge Kieselsteine und anderes Treibgut. Für die Einwohner von Canneto ein ganz natürliches Ereignis, das den Herbst einleitete, für mich das Spannendste, das ich je erlebt hatte. Und etwas, was mich zum Nachdenken bringt.

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich der Natur so unterlegen, dass sie Pläne für mich macht. Meine eigenen hat sie verworfen, ihre entscheidet sie spontan. Sie lässt sich von keinem etwas sagen, es ist einzig und allein in ihrer Macht, wie viele Menschen in dieser Woche Lipari verlassen können. Nichts kann sie stoppen. Ist das beängstigend, oder soll es mich nur daran erinnern, dass das immer schon so war, und für alle Zeit so bleiben wird? Diese Welt ist so reich an Technologien, künstlicher Intelligenz und menschlicher Überlegenheit, aber dass die Menschen gerade auf Lipari festsitzen, auf Lombok von Erdbeben erschüttert oder an der Südostküste der USA von Hurricanes getroffen werden, kann keiner ändern. Dem müssen wir uns bewusst sein. Wir sind nicht die Erde, wir sind ein Teil von ihr. Die Natur ist auch einer, und sie hat jederzeit die Chance, die Größenverhältnisse zu verändern. 

 

Mitten in all diesem Chaos lernte ich dann aber noch einmal unglaublich viele Leute kennen, die im Endeffekt jetzt auch die sind, die ich am meisten vermisse. Aus einem kurzen Gespräch entstand der Kontakt zu einer ganzen Gruppe an Menschen, die mich sofort herzlich in ihre Mitte aufnahmen und mir bei alle möglichen halfen. Unter anderem versicherten sie mir, dass ich, sollte die Fähre nicht fahren, in jedem Fall bei ihnen unterkommen würde. Mit ihnen verbrachte ich wunderschöne Abende in Marina Corta. Einmal fuhren wir nachts auf einen hohen Berg, von dem man ganz Lipari mit all seinen Lichtern überblicken konnte. Es gibt keine Worte für die Kostbarkeit dieses Moments.

In dieser Woche fanden in Marina Corta drei Feste statt, am Dienstag, am Mittwoch und am Donnerstag. Am Donnerstagabend war ein Fest geplant, bei dem alle verschiedenen Kulturen von Lipari zusammenkommen, landestypische Gerichte mitbringen und die Vielfältigkeit der Insel feiern würden. Die Leute, die ich kennengelernt hatte, waren die Organisatoren des Festes und baten mir an, im Fall das ich noch da war den anderen Deutschen helfen konnte. Ab da wünschte ich mir noch mehr, dass die Fähre nicht fahren würde.

Und tatsächlich: am Donnerstag gegen Abend stand es fest. Die Fähre würde am Freitagmorgen um 07:30 Uhr ablegen. Ich war überglücklich . Dass meine Pläne durchkreuzt wurden, war das Beste, was mir hätte passieren können. Alle Einzelpersonen, mit denen ich während meines Monats gesprochen hatte, waren auf der FESTA DEI POPOLI, wie der internationale Abend hieß, versammelt. Und alle kannten sich! Es war eine unglaubliche Gemeinschaft. Jeder half, jeder war begeistert und neugierig auf die Speisen. Wir Deutschen verteilten Zwiebelkuchen ( „Dennetle“, aber das kennen natürlich nur die Schwaben), Kartoffelsalat („Headepfelsalat natürlich) und Fleischklöpse.  Alleine das Gewirr an Sprachen, Gesichtern und Düften war einzigartig. Als alle Köstlichkeiten restlos aufgegessen waren, lief die Band auf der Bühne zur Höchstform auf. Ihre Musik war irgendetwas zwischen Sizilianisch und Lateinamerikanisch, und die Menschen begannen nach kurzer Zeit, zu tanze. Am Anfang stand ich noch am Rande des Geschehens. Ich versuchte, mir alles einzuprägen. Das Funkeln in den Augen aller, die ich kennen- und liebengelernt hatte. Die unbändige Lebensfreude, die sie trotz aller Schwierigkeiten des Daseins hier im speziellen und das Leben im Allgemeinen mit sich brachte, nie verloren hatten.

Die Akropoli von Lipari, die Kriege überlebt und Siege gefeiert hatte, und jetzt ruhig und majestätisch über dem Hafen wachte. Das Meer in seiner Unvergänglichkeit, und dieser Himmel, unter dem ich die letzten 26 Tage gelebt, gelacht und geweint hatten. An diesem Abend sage ich mir zwei Dinge, die alles beinhalteten, was ich wissen musste:

  1. Ich hatte den schönsten Monat meines Lebens.
  2. Die Frage ist nicht ob, sondern lediglich wann ich wiederkomme.

Und plötzlich, als ich noch über all das nachdachte, griffen zwei Hände nach meinen und zogen mich in die Mitte des Platzes. Es waren die von einem der Mädchen, die ich kennengelernt hatte. Sie strahlte mich unentwegt an, während sie mich zur schnellen Musik umher wirbelte. Alle Gedanken über die Vergangenheit und die Zukunft verschwanden aus meinem Kopf, bis nur noch das JETZT übrig blieb. Das JETZT, in dem ich auf einer kleinen Insel im tyrrhenischen Meer zu sizilianischer Musik im Kreis tanzte, Menschen hielt und vor Lächeln glühte, das JETZT, in dem ich Teil einer eingeschworenen, untrennbaren Gemeinschaft geworden war, die aus nichts besteht als Liebe. Liebe zu dieser Inselgruppe, die nur entstanden war, weil die Kontinentalbewegungen und Konvektionsströme und Subduktionen und Konvergenzen dieser Erde aus Zufall dafür gesorgt haben, dass an dieser Stelle nordöstlich von Sizilien Lava in die Höhe schoss. Ein kleiner nichtiger Zufal des Universums, der mein Leben verändert hat, Jahrtausende bevor ich geboren wurde.

****

 

Ich verließ Lipari im Morgengrauen, aber ich war bis zur letzten Sekunde nicht alleine. In Canneto hielt mich der Besitzer des Campingplatzes durch seine beeindruckende Gesprächigkeit um sechs Uhr morgens davon ab, traurig zu werden. Am Hafen von Lipari Stadt überraschte mich einer der Männer, mit denen ich am Abend zuvor beim Fest geredet hatte, in dem er mir eine gute Reise wünschte, Sekunden bevor ich die Laurana bestieg. Dann eilte er weiter zu seinem Tragflügelboot. Er war der letzte, mit dem ich gesprochen hatte, bevor ich Lipari hinter mir ließ.

Ich könnte jetzt viel darüber reden, wie schwer mir der Abschied fiel- von dem Ort, den Menschen und dem Leben, das ich geführt hatte. Wie schlimm der Schock im nächtlichen Neapel war, wo irgendwelche Idioten neben mir anhielten und irgendetwas aus dem Fenster schrien, sodass ich am liebsten geheult hätte. Wie ich am nächsten Morgen bei meinem Couchsurfer aufgewacht war und den Verkehr unter der Wohnung im allerersten Moment für das Rauschen des Meeres gehalten hatte. Wie ich auf der 19-stündigen Fernbusfahrt abwechselnd geheult und mich auf Zuhause gefreut habe.

Und ich könnte von der Unbeschreiblichkeit des Moments schreiben, in dem ich meine Familie und meine Freunde wiederhatte, die Kostbarkeit des Lebens gespürt und mein Herz an zwei Orten gewusst habe: meine deutsche Heimat und Lipari. Aber wie gesagt, das sind Augenblicke, die bleiben einfach immer un-be -schreib-lich.

 

LIPARI, YOU HAVE MY HEART.