Heimat, eine französische Freundin und ein Studiengang in Potsdam

Ich weiß nicht, ob es irgendjemand auffällt, dass ich bei meinen Blogbeiträgen immer versuche,  mit einem möglichst pointierten Auftakt zu starten. Heute bin ich fünf Minuten vor der Tastatur gesessen und dachte dann Scheiß drauf, ich schreib jetzt einfach drauf los. Sorry dafür, denkt euch die Pointe.

Ich fange einfach da an, wo ich letzte Woche begonnen habe, nachzudenken: im Zug. Wieder einmal. Die Zugverbindung zwischen Riedlingen und Ulm dauert zwischen vierzig und dreiundfünfzig Minuten und beinhaltet mittlerweile gefühlt alle meine Erinnerungen an wichtige Momente. Ich bin hier nach Graz gefahren und zurück, drei mal, ich saß heulend im Zug weil mein Handy auf dem Bahnsteig zersplittert war und ich krank damit in die Normandie fuhr, ich fuhr ein Jahr später dort los nach Paris, ich kam nach einem Monat in Italien vollgepackt und völlig fertig nach drei Tagen Reise zurück in die Heimat. Alles in einem schmalen Fahrzeug mit Löwen auf den Sitzbezügen und schmutzigen Scheiben.

Letzte Woche war ich wieder dort, verschickte Snaps und bekam Antworten. Wo reist du hin? Ausnahmsweise lautete meine Antwort allerdings: nirgends. In Ulm wartete kein Flixbus auf mich, aber eine, die aus ihm ausgestiegen war: Marine! Nach einem Jahr und zwei Monaten hatte ich sie wieder, auf Zeit, aber immerhin. Marine ist das lebende Beispiel dafür, dass das Spülen von Tellern und Tassen nicht nervig und unnötig ist, sondern manchmal das Beste, das uns auf der Welt passieren kann. Insbesondere, wenn es sich um das „Big Washing Up“ in der französischen Communauté Taizé handelt. Dort kamen Marine und ich vor zwei Jahren und einem Monat ins Gespräch und freundeten uns an. Dann kam ich sie im letzten Jahr besuchen, hatte eine unvergessliche Zeit in der Normandie, stellte fest dass ich Französisch immer noch liebe und lud sie direkt ein, im nächsten Jahr zu mir nach Hause zu kommen. Was sich schwieriger gestaltet hatte als wir jemals gedacht hätten. Der Sommer verging, ohne dass wir einen gemeinsamen Termin gefunden haben. Erst im September, als ich gerade beim Abendessen auf Stromboli saß, fiel mir der zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernte Feiertag von Allerheiligen ein, um den herum ich einen Brückentag legen und mir so Zeit für Marine nehmen könnte – wenn sie denn zu dieser Zeit Herbstferien hatte. Hatte sie.

Kurzer Zeitwechsel vom Mittwoch den 31.10. hin zum Sonntag, den 04.11. Ich, irgendwo im Ulmer Industriegebiet, in dem der Fernbusbahnhof liegt, auf dem Weg zurück zu meinem Auto. Marine sitzt wieder im Fernbus und ich bin völlig übernächtigt und verheult. Wieso, frage ich mich, wieso mache ich sowas die ganze Zeit? Wissentlich Freundschaften aufbauen, die gefühlt am anderen Ende der Welt liegen und dann doch wieder jedes Mal in Tränen auszubrechen, wenn der Abschied gekommen ist. Mit Marina in Namibia, Marie in Kenia, Theresa in Paderborn, Sherin in Grenoble und Maria, Silvia und all den anderen auf Lipari ist es genau das Selbe. Es tut weh zu wissen, dass jemand, der dein Leben besser macht, gefühlt am anderen Ende der Welt wohnt. Irgendwie habe ich ein Gespür dafür, exakt diese Leute kennenzulernen. Es gibt coolere Charakteristika. Wieso genau mache ich das?

Deswegen habe ich mir die Frage fünf Tage früher beantwortet, als Marine aus ihrem Fernbus stieg und wir uns in die Arme fielen. Für genau dieses Gefühl. ´Dieses Gefühl´, das ist die Verbundenheit über Landesgrenzen, das Öffnen deiner Türe für jemand, dessen Zuhause ganz anders aussieht, die verrückten Erinnerungen, die bei Entdeckungstouren entstehen.

Apropos Entdeckungstouren – was zeigt man jemandem, der in der Normandie direkt am Meer wohnt, zwischen der Kunststadt Rouen und der Hafenstadt Dieppe? Mein kleines Dorf an sich mag nicht all zu sehenswert sein, obwohl es definitiv schön ist. Darüber hinaus habe ich Marine noch den Federsee, Tübingen bei Nacht, Meersburg, Konstanz und generell den Bodensee gezeigt. Vielleicht habe ich mich in dieser Zeit zum ersten Mal richtig meiner Heimat befasst – was ich an ihr mag, wie sie von Fremden aufgenommen wird, was sie leuchten lässt. Als Kind habe ich den Sinn von ewig langen Sonntagswanderungen und Ausflügen nicht verstanden, warum eigentlich nicht? Es gibt doch eigentlich nichts Besseres, als die Schönheit des Ortes zu entdecken, an dem man selber leben darf oder? Irgendwie habe ich an dieser Schönheit nie gezweifelt, ich habe die schwäbische Alb und meine Umgebung immer gemocht. Ich konnte nur nie benennen, wieso. Ich glaube, das habe ich in diesen fünf Tagen gelernt.  

 

 

Viel wichtiger allerdings war die Erkenntnis, dass ein Ort nicht nur von einer Landschaft schön gemacht wird, in der er sich befindet, sondern vor allem von den Menschen, die ihn bewohnen. Herbstwälder, Seen, Städte – das ist alles austauschbar, und in unserem Leben werden wir noch an viele Orte gelangen, die wir schön finden. Die Freunde und das Umfeld, in dem wir aufwachsen, gibt es dagegen kein zweites Mal mehr.

Marine hat einen Großteil von meinen Freunden kennengelernt, weil während ihres Aufenthaltes bei mir zwei Familiengeburtstage und zwei Feste stattgefunden haben. Das erste davon war die Halloweenparty in Stetten unter Holstein, und meine Freunde und ich haben gefühlt das ganze Jahr darauf gewartet. Wenn ihr mich fragt, ist das das beste Fest, das es in unserer Region überhaupt gibt, aber das ist nur eine subjektive Einschätzung meinerseits. Dieser Abend war absolut verrückt, weil ich plötzlich angefangen haben, meine Welt, in der sich sonst ganz selbstverständlich gelebt habe, aus anderen Augen, aus denen von Marine,  zu sehen. Ich stand ich in dieser überfüllten Halle und fragte mich: Was denkt ein Außenstehender von mir und meinen Freunden und dem ganzen Leben hier? 

Gleichzeitig bin ich mir selbst erst darüber bewusst geworden, was ich selbst darüber denke. Ich habe mit einer ungeahnten Heftigkeit gespürt, wie gern ich das mag: meine besten Freundinnen, die ich nur am Wochenende sehe und mit denen ich trotzdem mein ganzes Leben teile. Meine ganze Stufe, die jetzt ihren eigenen Weg geht und einen trotzdem noch diese immerwährende Verbundenheit der gemeinsamen Schulzeit spüren lässt. Die vielen Leute, die wir an Abenden wie diesen überhaupt erst kennengelernt haben und die jetzt diese Art von Freunden sind, die man jedes Wochenende auf einem anderen Fest trifft. Das Gefühl, dass die ganze Region an einem Ort zusammenkommt und lauthals zu den selben Liedern singt. Ich hab dich tanzen gesehn. Ich würd dich gerne wiedersehn.

Ich bin an einem Punkt, an dem ich mein Leben um nichts auf der Welt tauschen würde. Ich sehe meinen Freundeskreis wachsen, treffe neue Leute, finde alte wieder. Alles ist in Bewegung, ich habe angefangen zu arbeiten und es gefällt mir, in etwas mehr als 50 Tagen fliege ich nach Costa Rica.

Aber schon in dem Moment, in dem ich mit Sarah, Marine und Lisa im Getümmel stehe und Milow aus den Lautsprecherboxen Baby it´s a new age singt, weiß ich, dass das nicht ewig ist. Wie alles andere davor auch, wird dieser Augenblick verstreichen und der nächste auch.

Und hier kommt dieser Studiengang ins Spiel, den ich gefunden habe. Er heißt „Europäische Medienwissenschaft“ und nach all der Sucherei scheint er das Passendste für mich zu sein, was ich überhaupt finden könnte. Nach wie vor will ich keine Journalistin im eigentlichen Sinne werden, aber das brauche ich auch nicht, weil dieser Studiengang genauso viele Kenntnisse und Fertigkeiten in anderen Bereichen wie dem redaktionellen Bereich, der Fotografie und der Videogestaltung vermittelt. Sein Profil zu lesen fühlte sich an wie das Ende einer ewig langen Suche, ich weiß, dass ich darin glücklich werden könnte. Und alles könnte so perfekt sein, würde man über die Tatsache hinweg sein, dass dieser Studiengang ausschließlich an der Universität Potsdam existiert. Potsdam liegt rund 700 Kilometer entfernt von mir zuhause und damit genauso weit weg wie der Campingplatz an der Adria, an dem wir immer Urlaub machen.

Ich habe immer, immer, immer gesagt, dass ich nach dem Abitur weg will, dass mit dem Studieren ein Lebensabschnitt beginnt, den ich fernab von allem vertrauten verbringe. Das zwölf Jahre lang während der Schulzeit zu sagen, ist eine Sache. Es ist sogar jetzt noch einfach, das anderen zu erzählen: „Ich bewerbe mich für meinen Traumstudiengang in Potsdam.“ Aber das bisschen Weitsicht, das ich in mir trage, hält mich fest, krallt sich um mich, flüstert in mein Ohr: Bist du wahnsinnig? Sieh dich hier doch einmal um – das willst du zurücklassen?

Die Antwort ist einfach. Gar nichts will ich zurücklassen. Ich liebe, liebe, liebe meine Freunde, mein Leben hier, Süddeutschland, das Schwäbische, meine Familie, meine kleinen Cousins und Cousinen, meine Großeltern. Ich will nicht die sein, die nur noch an Ostern und Weihnachten zurück in die Heimat kommt. Die sich dann am Heiligen Rausch wie die Fremde fühlt, der man alle neuen Beziehungen und Trennungen berichten muss, die sich im letzten halben Jahr ereignet haben.

Gleichzeitig kann ich mir absolut nicht vorstellen, hier zu bleiben, nichts Neues zu sehen, keine neuen Leute kennenzulernen. Wenn der Plan, zu Beginn meines Studiums in eine fremde Stadt zu ziehen, immer in mir war – und ich habe ihn oft hinterfragt, nur um festzustellen dass er immer noch da ist – kann er nicht so falsch sein, oder? Wenn es vor mir schon zahllose andere Leute geschafft haben, ihr altes, schönes Leben hinter sich zu lassen, schaffe ich das auch, oder?

Ich habe Freundschaften, die nicht zerbrechen werden, und wenn ich auf den Mond ziehen würde. Die restlichen Freundschaften sind dann sowieso nicht für immer bestimmt, schon klar. Aber dazwischen gibt es auch noch etwas, das diese diffuse, große Gemeinschaft der zahlreichen kleinen Ortschaften in meiner Gegend beschreibt, und aus der wäre ich dann unweigerlich raus. Ich habe weniger Angst vor Freundschafen, die ich verlieren könnte, als vor Momenten mit Freunden, die ich verpassen könnte. Gleichzeitig sehe ich vor mir, wie viel ich verpassen würde, wenn ich diesen Traumstudiengang, für den ich den erforderlichen Notendurchschnitt und die absolute Motivation habe, nicht ergreifen würde. Wenn ich nicht den aufregenden Schritt wagen würde, von Süd- nach Ostdeutschland zu ziehen, um dort neue, spannende Erfahrungen zu sammeln. Und wieso genau muss eigentlich immer alles so kompliziert sein?

Besuch aus Frankreich, Ayo Technology , eine Frau namens Cordula Grün und ein Studiengang in Potsdam – das hat gereicht, um mich völlig durcheinander zu bringen. Glück, Neugier, Angst und Unsicherheit geben sich in diesem Übergangsjahr die Klinke. Und dabei weiß ich zu jeder Zeit, wie glücklich ich mich schätzen kann, derartige Probleme zu haben. Ich denke immer wieder an die Jugendlichen, die ich auf den Äolischen Inseln getroffen habe. Für die gibt es keine Wahl von wegen „Bleiben oder gehen“, wenn sie studieren wollen, sind sie schlichtweg gezwungen, mindestens nach Sizilien zu ziehen.

Trotzdem kehren sie jedes Jahr zurück auf ihre Inseln und bleiben ihnen verbunden, so lange sie leben. Das gibt mir Hoffnung, dass es bei mir auch nicht anders sein wird.

Bis dahin genieße ich jeden Moment, den ich hier kriegen kann.

Etwas anderes bleibt mir ja gar nicht übrig.