GOD LOVES YOU | Wieso uns Momente retten können.

Es war einmal ein griechischer Philosoph namens Sokrates. Das Leben des Sokrates muss unglaublich vielseitig gewesen sein, was wir wüssten, wäre mehr von ihm überliefert worden. Was mir von ihm geblieben ist, ist ein Satz, der seitdem als Post-it über meinem Schreibtisch hängt, und der mich heute dazu gebracht hat, diesen Text zu schreiben.

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Wir alle haben etwas, das wir hinter uns lassen wollen, immer und immer wieder. Vielleicht habe ich in den letzten Wochen etwas gelernt, das ich davor nie hätte glauben können. Das Leben, in all seinen Momenten, sinnlosem Durcheinander und unergründlichen Plänen ist nicht nur gut.

Und manchmal ist alles genauso, wie du es immer wolltest, und dir geht es trotzdem nicht gut. Es gibt Dinge, die machen dich traurig und du weißt, sie sind schuld daran dass du weinend an die Decke starrst. Aber manchmal gibt es Zeiten, da könnte es besser nicht sein, und trotzdem kreisen Fragen durch deinen Kopf, die du dir nie stellen wolltest:

Wer bin ich?

Wieso genieße ich die Momente nicht genug, die so perfekt erscheinen?

Was ist dieses Etwas, das sich mein Leben nennt?

Macht das alles einen Sinn?

Rede ich, oder redet das Fremde etwas in mir, das still und leise meinen Kopf übernommen hat?

Was soll man schon tun, gegen Gedanken die dich an sich zerren und nicht mehr loslassen. Du bist einen Wimpernschlag entfernt vom Glücklich sein, sitzt neben den Menschen die schon immer alles für dich sind und spürst trotzdem irgendwie: Nichts.

Das war nicht immer so, aber ich glaube jetzt daran, dass das dazu gehört. Genau wie Krisen, die durch einen realen Schicksalsschlag entstehen, gibt es auch Krisen, die unser Hirn produziert, ohne dass wir verstehen wozu. Alles könnte perfekt sein, wir könnten den ganzen Tag nur lachen und Spaß haben aber stattdessen liegen wir im Bett und versuchen, auf unsere innere Stimme zu lauschen, die sich still und leise davon gemacht hat. Vielleicht ist das Erwachsen werden: ab und an von uns selbst verlassen zu werden. Wenn man 17 ist, sollte man meinen, den Höhepunkt der Pubertät überstanden zu haben. Man sollte denken alles wird ab jetzt nur noch besser, aber ich glaube das stimmt nicht. Seit ich 13 bin hat sich nicht so viel verändert wie in den letzten paar Monaten. Eigentlich ist es absurd, denn der Großteil meiner Freunde hat sich nicht verändert, die Freundschaft hat sich eher vertieft, wofür ich dankbar sein muss. Aber dann ist da die Kursstufe, und sie hat mich viel, viel mehr verwirrt als ich es geglaubt hätte. Jeden Tag, jede Doppelstunde andere Leute um sich, was am Anfang so spaßig war, hat mich nur unausgeglichen gemacht. Es ist nun mal einfach so, dass man sich nicht vor allen Menschen gleich verhalten kann. Sei immer du selbst sagt ein weiser Spruch, aber wie soll der in der Realität umsetzbar sein? Ich jedenfalls schaffe das nicht, und ich denke das muss ich auch gar nicht. Ich denke auch, dass die Kursstufensituation einfach etwas ist, an das man sich gewöhnen muss, in das man reinwächst. Woran ich lieber nicht denken will ist an die Tatsache, dass ich noch vor drei Monaten vor der Überlegung stand, die Schule für Französisch und Geschichte zu wechseln. „Nein“ haben meine Eltern gesagt „nein, das machst du nicht.“ Nicht, weil sie es aus Prinzip nicht wollten, sondern weil sie mich in dem Moment besser kannten, als ich mich selbst. Das bin ich: mir sind meine Freunde und mein Umfeld wichtiger als alles andere auf der Welt, und wie sehr mir Veränderungen manchmal nahegehen war ihnen klarer als mir selbst. Verdammter Mist, Eltern haben eben doch das eine oder das andere Mal recht 😉

Dann sind da noch die Dinge, an die man sich nicht gewöhnen kann, Zustände die eintreten ohne einem was zu geben. Der Todesfall in meiner Familie, den ich zu Anfang hin so gar nicht realisieren konnte, hat mich viel mehr verändert als ich glaubte. Es ist nicht meine aktuelle Sicht, es ist mein Weltbild, das dadurch ein klitzekleines Bisschen verschoben wurde, und das wird mir in kleinen Schritten klar.

Das ist mein Leben. Ein Chaos ohne jeden ersichtlichen Grund.

In den Weiten des Internets suchen viele Menschen nach Ursachen für diese Gefühle, oder auch Nicht-Gefühle. Was dabei immer ganz oben steht, sind schlimme Befürchtungen: psychische Krankheiten, Depression, und wenn man sich selbst ganz fremd fühlt schwebt über einem in bedrohlich großen Buchstaben das Wort: DEPERSONALISATION. Ich will nicht sagen, dass diese Vermutungen weit hergeholt sind. Ich weiß nicht, wo eine Phase aufhört und eine Krankheit anfängt, und ich bin ein ängstlicher Hypochonder, das wisst ihr alle.

Aber was ich mir wünschen würde, ist eine einzige verdammte Beruhigung. Eine Homepage oder ein Artikel, der dir nicht sagt: du bist krank, geh zum Arzt, du kommst da nie, nie wieder raus.

Was ein verzweifelter, von Ängsten gequälter Mensch in dieser Lage braucht, sind andere Worte:

Hab keine Angst. Das ist nicht das Ende. Dir geht es nicht gut, aber weißt du was? Das ist das Leben. Auch wenn du gerade gar nichts fühlst, du bist am Leben, und eigentlich bist du so lebendig wie nie zuvor, denn du stellst alles in Frage. Manchmal muss man die Dinge in Frage stellen, um sie überhaupt richtig wahrzunehmen.

Ängste sind fucking menschlich. Denke nicht, du bist der Einzige der vor lauter Angst nicht schlafen kann. Schäm dich nicht, zu sagen: Ich weiß nicht, wer ich selbst gerade bin.

Ich kann gar nicht sagen wie traurig ich es finde, dass psychische Probleme in unserer Gesellschaft immer noch so totgeschwiegen werden. Immer muss jeder funktionieren. Und wenn jemand auffällig nicht mehr funktioniert, wird er abgestempelt. DEPRESSION. PSYCHISCH KRANK. Und vor allem: GANZ ANDERS ALS DIE ANDEREN. Abweichend von der Norm. Störend im System des Alltags, er soll wegbleiben bis es ihm wieder gut geht, bis er wieder funktioniert. Wenn es einem gut geht, mag das in Ordnung und logisch erscheinen, aber wer mal schwach und auf der Suche ist, sieht eine große, undurchdringbare Mauer vor sich wachsen. Wie soll denn das gut sein?

Wenn es darum geht, sich selbst wieder zu finden, muss man geduldig sein. Es ist nicht so, dass es jederzeit an der Türe klingeln könnte, dein Ich hereinkommt und sagt: „Hallo, hier bin ich wieder. Was habe ich verpasst?“ Wir werden nie wieder die Selben sein. Die Hauptsache ist, dass wir uns wohlfühlen, dass wir mit uns alleine sein können. Veränderung ist unumgänglich. So schlimm wir das auch finden.

Vielleicht ist es ein Weg, sich an Momenten hochzuziehen. Momente warten überall, und ich weiß, dass sie uns retten können. Ich hatte zig in letzter Zeit, und würde alle am liebsten nochmal wiederholen.

Samstag, 13:22 als es an der Türe klingelt und der Postb0te meine neue Kamera liefert- einen Monat vor der angegebenen geschätzten Lieferzeit.

Der Moment, in dem ich zum ersten Mal den Mond sehe- 65fach vergrößert und so wunder, wunderschön.

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Das leise, magische Geräusch das das Objektiv macht, wenn es aus- und einfährt.

Das Gefühl, auf einer endlosen Hauptstraße Gas zu geben, meine zweite Fahrstunde und ich fühle mich so frei.

Und das Lesen der Postkarte, die diese Woche aus Taizé kam. Ich hatte sie dort, mit meiner Adresse versehen, aufgehängt, und letzte Woche war sie so voll mit Sprüchen, dass sie an mich zurückgesendet wurde. Jetzt halte ich also eine Karte in der Hand, auf der Menschen aus aller Welt hinterlassen haben, was ihnen am Wichtigsten ist- manches mehr, manches weniger ernstgemeint.  Ich werde nie wissen, von wem die Worte stammen, aber ich werde sie als meinen persönlichen Glücksbringer mit mir herumtragen.

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Neben brandwichtigen Informationen wie Ich bin eine Biene und natürlich Und ich bin eine Cannabiene! stach mir ein Spruch besonders ins Auge.

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GOD LOVES YOU. Gott, der irgendwo da oben sein soll, und der mir in letzter Zeit genau so fern wie nahe war. Zweifel, Fragen, Glaube, und dazwischen der Spruch: GOD LOVES YOU. Da ist jemand, irgendwo in der Welt, der daran so felsenfest glaubt, dass er es einem deutschen Mädchen namens Tabitha Anna auf die Postkarte schreiben wollte. Dieser Jemand hat keine Beweise für diese These, er glaubt es einfach. Wenn ich etwas mit mir herumtragen will, dann das, immer wieder: GOD LOVES YOU. Bis ich mir selbst so sicher bin, dass mich nichts erschüttern kann.

Ich weiß, dass wir das schaffen können. Ich weiß, dass das Leben gute und schlechte Tage für uns bereithält, und manchmal sind es auch schlechte Wochen und schlechte Monate. So ist das. Und weil ich gerade so schön am Mathelernen bin, hier mal eine ganz mathematische Definition des Lebens:

Es ist keine streng monotone Funktion. Es gibt Hoch- und es gibt Tiefpunkte, und manchmal ist die Steigung auch einfach nur Null. Aber auf jeden Tief- folgt einen Hochpunkt, und Null bleibt niemals dauerhaft.

Wer hätte gedacht, dass mich das mal noch hoffnungsvoll stimmen würde.

Ich hoffe, ihr da draußen seht das genauso. Ich weiß, dass das hier verdammt persönlich war, und weiß der Himmel wann ich anfangen werde, es zu bereuen. Im Moment tue ich es nicht- weil ich genau so etwas selbst gerne lesen würde, und weil ich hoffe, es für jemand anderen irgendwie besser zu machen.

Denn das wird es immer: besser – irgendwie.

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