Gedankenreise

Wenn man zurückblickt, erscheint alles viel besser als es war. Wir neigen dazu, die Dinge zu idealisieren, nur das Gute einer Zeit in langfristiger Erinnerung zu behalten. „Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen“, sagte einst Thomas Brussig in seinem Buch Am kürzeren Ende der Sonnenallee. 

Ich muss immer wieder daran denken, und daran, wie viele guten Zeiten hinter mir liegen und dann hoffe ich, das die, die ich gerade erlebe, sich eines Tages an meine Erinnerungen anknüpfen wird. Dass ich später nur daran denke, was gut war.

Das ist Vieles. Ich darf und will mich nicht darüber beschweren, dass meine Haut verrückt spielt genauso wie die Temperaturen vor der Türe, dass ich vor lauter Lernen nicht mehr weiß wohin und mich vor den bevorstehenden Wochen und erst recht vor den Prüfungen am Ende fürchte. Das alles sind Momentaufnahmen, die vorübergehen, jede auf ihre Weise.

Aber jeder Tag fühlt sich so gleich an, und gefühlt komme ich in keinem Punkt voran, wie ein Bus, der eine Einöde im Schleichtempo durchquert, sodass man das Gefühl hat, er würde nie am Ziel ankommen, obwohl man genau weiß, dass er noch fährt.

An Tagen wie diesen reicht ein einziges italienisches Lied aus, das YouTube im Autoplay abspielt, das ich vielleicht seit Jahren nicht mehr gehört habe. Im Sommer 2016 habe ich es 24/7 vor mich hin gesummt. Im Sommer, unter der italienischen Sonne, auf Marina di Venezia. Ich vermisse diesen Ort so sehr, das merke ich jetzt, während ELISA die Worte singt, die ich auswendig kenne, obwohl mein Italienisch sehr verblasst ist unter den Spanisch- und Französisch-Unterrichtsstunden. Das Schlimmste ist wahrscheinlich, dass ich keine Ahnung habe, wann ich zurückkommen werde. Die Zeit, in denen ich jedes Jahr mit meinen Eltern den Urlaub verbringe, ist unwiderruflich vorbei. Wenn ich das nächste Mal mitfahre, wird es eine Besonderheit sein. Diese ganze Veränderungen sind, so schön und verlockend sie vor mir liegen, anstrengend.

Wenn ich gerade einen Wunsch frei hätte, ich glaube ich würde mir nicht die Bronchitis weg und das Abiturzeugnis herwünschen, ich würde einfach nur gerne einen Zeitsprung machen, Sommer 2016, Strand von Marina di Venezia. Vor mir liegt Everything Everything , das nach wie vor mein unangefochtenes Lieblingsbuch ist, in meinen Ohren L´Anima Vola und der Geruch von Meer und Sonne in der Luft um mich herum. An diesem Ort kann ich den ganzen Tag für mich alleine sein, ohne mich einen Moment einsam zu fühlen. Keiner fragt mich, was ich denn nach dem Abitur machen will und Lotfußgeraden und Wachstumsfunktionen sind so weit weg von mir wie das kalte, verregnete oder verschneite Deutschland. Ich muss mir keine Gedanken machen, ob es morgen zu glatt sein könnte, um mit dem Auto zur Schule zu fahren, weil ich auch noch nie quer auf der Straße gestanden bin, in diesem Sommer 2016. Genauer gesagt bin ich noch nicht einmal auf dem Fahrersitz eines Autos gesessen. Ich bin einfach nur das Mädchen, das ich 16 Jahre lang war, mit einem Overflow an Gedanken im Kopf. Ich habe gespannt auf die Kursstufe gewartet, die jetzt nahezu zu Ende ist. Nicht Abschied war in meinem Kopf, sondern Neubeginn.

Bevor mein nächster, großer Neubeginn starten kann, muss ich noch so einige Dinge erledigen. Abitur schreiben zum Beispiel. Ich kann das Wort schon nicht mehr hören. Dem voraus werden 832740340 Stunden am Schreibtisch folgen, und mindestens genauso viele Tränenausbrüche. Das kann ich mit hochprozentiger Sicherheit voraussagen. Und ich entschuldige mich hiermit jetzt schon bei denen, die das Drama ausbaden dürfen.

Gott, wie ich diesen Moment herbei sehne, wenn ich am 02. Mai die Schule verlasse, mit dem Wissen, dass die Mathematik und ihre mystischen Gesetzmäßigkeiten NIE wieder Teil meines Lebens sein werden. Diese Vorstellung könnte sogar dieser spontanen Gedankenreise an die Adria Konkurrenz machen. Es ist also vermutlich Zeit, in die Gegenwart zurückzukehren. Und wenn es dort wieder einmal so überhaupt nicht auszuhalten ist, hält die Zukunft glücklicherweise auch einiges bereit.

Tage wie diese. Später werde ich an sie zurückdenken, und hoffentlich nur das Schöne darin sehen. Egal, wo im Leben du dich gerade befindest, ob das hier der schönste oder der schlimmste Tag deines Lebens ist, ich hoffe, du hast etwas, an dem du dich festhalten kannst.

Und wenn es ein Moment ist, im längst vergangenen Sommer 2016.

 

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