Die Lektion des Platzregens | Essay

Wie hat man Mut? Wenn es nicht um einen selbst geht, wie ist man mutig, wenn man es genauso gut nicht sein kann? Was ist das Gegenteil von Mut? Angst oder Schwäche oder Ignoranz? Sie, Thia Laurent, 17 Jahre alt, unsicher, fühlt sich am allermeisten ignorant, während sie das Gegenteil von Mut in ihrer Kehle hoch kriechen spürt, dort unten im Elbtunnel, wo ja ohnehin nie einer hinsieht. Unter der Erde ist der perfekte Ort für alles – und man muss sich niemals rechtfertigen dafür. Das denkt sich sicherlich auch der Junge, der nur wenige Meter von ihnen entfernt einen Jüngeren gegen die Wand drückt. Er spricht leise mit ihm und denkt, dass ihn keiner hören kann, aber sie ist schließlich nicht taub und die schlecht verputzen Wände scheinen seine Worte in doppelter Lautstärke in den Raum zurückzuwerfen ´.

„Scheiß Ausländer.“ „Geh dahin zurück, wo du hergekommen bist – verpiss dich!“

Es folgen noch viele mehr, aber sie hört sie nicht mehr, weil Emanuel neben ihr entnervt ausstößt: „Mein Gott, können sie das nicht wo anders klären?“ „Oder besser gar nicht?!“ entgegnet sie. Emanuel zuckt mit den Schultern, fährt mit den Fingern an der Wand entlang. „Ist doch normal. Du weißt doch selber, wie oft sie hier was überstreichen, was mit der rechten Hand gesprüht wurde.“ „Ja aber das geht wenigstens nicht an jemanden direkt.“ Der Junge, der trotz der dunklen Färbung seiner Haut so kreidebleich ist wie die Wand, an der er lehnt, scheint vor ihren Augen immer noch ein bisschen kleiner zu werden. Er schrumpft unter dem Gewicht der Wörter, die der fremdenfeindliche, von überquellender Wut auf sich und das Leben getriebene Ältere ihm in die Ohren schleudert. Sie hadert immer noch mit sich. Soll sie etwas tun? Einfach dazwischen gehen? In den Gängen des Elbtunnels, wo sie sich mit Emanuel, Luka und ihren anderen Freunden die endlos langen Mittage vertreibt, um vor der Hitze der sommerlichen Stadt, vor den Touristenwellen und der Stille in der Wohnung der Eltern zu flüchten, geht normalerweise jeder seinen Weg. Es gibt ein klares Ziel: das Ende des Tunnels.

„Misch dich lieber nicht ein.“ findet auch Luka, die es kaum wagt, hinzusehen. „Ansonsten bist du vielleicht selber noch dran. Mach dir keine Gedanken, du kannst ja nichts dafür!“ Wenn das Gegenteil von Mut Ignoranz ist, dann geht Emanuel gerade durch, und wenn es Angst ist, Luka, denkt sie. „Aber ich kann es ändern.“ flüstert sie und steht auf.

Mut ist – verglichen mit anderen, faszinierende Wortneuschöpfungen der deutschen Sprache wie Verkehrsinfrastrukturfinanzierungsgesellschaft – ein verdammt einfaches Wort. Drei Buchstaben. Stehen im Lesebuch der ersten Klasse.

Nur sind sie all zu oft verdammt schwer, umzusetzen. Dabei spricht Mut nicht immer nur von großen, heldenhaften Taten, sondern fängt in meinen Augen dort an, wo man gegen etwas ankämpfen muss, dass sich von innen aufbaut und einen daran hindert, unbefangen zu sein. Mut ist, die ersten Schwimmzüge ohne Flügelchen im Wasser zu tun. Oder der erste Schritt in die neue Kindergartengruppe, die Schulklasse, die Universität. Mut ist, bei einer Spritze nicht zurückzuziehen, ihm den verflixten Kuss einfach zu geben, Nein zu sagen, Ja zu sagen, man selbst zu sein.

Die besten Zeilen, die ich zum Thema Mut gelesen habe, stammen aus der Lektion des Platzregens aus dem Buch „Hagakure – Der Weg des Samurai“ von Tsunetomo Yamamoto. Es wird dort sehr genau beschrieben, wie ein Mann unterwegs von plötzlichem Regen überrascht wird und die Wahl hat, ob er panisch rennen oder den Regen auf der Haut einfach zulassen will, um sich dann „mit unbewegtem Geist“ ruhig weiterbewegen will. Der Abschnitt endet mit: „Diese Lektion gilt für alles.“ und das hat für mich sehr viel Sinn ergeben. Dass man den Regen genießen kann, wenn man sich schon darauf einstellt, dass man nass wird. Dass man – im übertragenen Sinne – nur wenige Minuten oder Sekunden mutig sein muss, um sein ganzes Leben zu verändern, und dass das gelingt, wenn man die Komplikationen und Hindernisse, die diese Minuten mit sich bringen möglichst gelassen in Kauf nimmt. Als ich das gelesen habe, habe ich mich nach dem Duft von frisch gefallenem Regen gesehnt, und nach dem Mut, quer durch den Platzregen zu spazieren. Ich war so oft verliebt – habe ich mich getraut, es auszusprechen? Nein. Ich hätte gerne ein halbes Jahr auf einer Schaffarm in Neuseeland verbracht – habe mich nicht getraut, den Flug zu buchen. Nur manchmal hat es geklappt. Ich habe „Nein!“ gesagt, als ich zu viel getrunken habe, und es für mich genug war, und „Ja“, als es um eine einmonatige Reise ganz alleine auf die Vulkaninseln in Süditalien ging. Ich habe „Ich liebe dich nicht und es tut mir so sehr Lied“ gesagt, als ich einen Freund hatte, der sich seine Zukunft mit mir ausgemalt hat, und bin bei einer politischen Veranstaltung aufgestanden, obwohl ich mich so sehr davor gegraut habe, dass gleich ein ganzer Raum nur meine Meinung und die Unsicherheit zwischen den Wörtern hören wird.

Alles das hat mich weiter gebracht, glücklich gemacht, ein Feuer entfacht. Ich bin wer ich bin, weil ich gesagt habe, was ich am liebsten verschwiegen hätte, und getan habe, was ich tun musste aber nie wollte.

Aber ich habe das alles für mich gemacht, und wenn ich es nicht getan hätte, hätte es lediglich mir selber geschadet. Ich habe gehandelt in meinem eigenen Interesse, weil ich frei sein wollte, erfahrener, stärker, lauter. Es liegt in der Natur des Menschen, dass wir unsere eigenen Belangen instinktiv in den Vordergrund stellen. Nur durch Charakteristika wie Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit und Engagement schaffen wir es, das zurückzustellen. Es wird dann nur immer schwieriger, mutig zu sein. Weil eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass wir davon zumindest nicht direkt profitieren werden, zögern wir länger, bevor wir eine mutige Tat begehen. Ich sage ganz ehrlich: ich spreche hier von mir. Ich würde mir wünschen, dass es anders wäre, dass ich hier schreiben könnte, dass mich die offensichtliche Notlage meiner Mitmenschen erst recht zur Höchstleistung anspornt.

Wie es die christliche Sozialarbeiterin Sarah Hill in dem US-amerikanischen Film Soul Surfer zu der vom Elend der Menschen in Puhekt nach dem verheerenden Tsunami im Jahr 2004 erschütterten Bethany Hamilton sagt: „Es ist völlig normal, Mitgefühl zuzulassen. Das ist gut, denn es treibt uns zur Höchstleistung an.“ Dass sie von Hawaii nach Thailand gereist sind, um bei der Versorgung der Menschen zu helfen, ist dem Mut geschuldet, den sie in dem Moment hatten, in dem sie ins Flugzeug eingestiegen sind.

Es ist der selbe Mut wie der, der am Morgen nach den Pariser Terrorattacken vom 13. November 2015 so viele Menschen an die 19 Anlaufstellen für Blutspenden getrieben hat, dass die Ärzte die Aktion schließlich stoppen mussten. Stunden vorher gingen dort Bomben gen Himmel, über dem ganzen Land lag politischer wie gesellschaftlicher Ausnahmezustand, und trotzdem traten an jenem Morgen so viele Menschen mutig über die Schwelle ihres sicheren Hauses, um den Verletzten ihr Blut zu geben.

Hier hält eine Demokratie geschlossen zusammen gegen die irrsinnige Ideologie einer Gruppe, deren unsere westlichen Werte – Freiheit, Toleranz, Offenheit – bitter aufstoßen. Auf EU-Ebene sichern mehrere Mitgliedstaaten Frankreich ihre bedingungslose Unterstützung zu. Nicht, weil sie direkt davon profitieren werden, etwa durch einen militärischen Einsatz mit dem Islamischen Staat. Sollte aber eines Tages beispielsweise Deutschland ein ähnlich fatales Schicksal ereilen wie 2015 Frankreich, wünschen wir uns als Mitglied der EU ebenfalls die Unterstützung anderer Staaten. Dieses Prinzip lässt sich auf zahlreiche Ebenen übertragen und auf wenige Worte reduzieren: behandele andere so, wie du selbst behandelt werden willst,

oder: Gestalte die Welt mit deinen Taten so, dass du gerne darin lebst

Und vielleicht ist das ja der Schlüssel zum Mut, sich für andere einzusetzen.

Sie jedenfalls spürt ihn, dort unten im Elbtunnel, während sie Emanuel und Luka hinter sich zurücklässt. In ihrem Kopf legt sie sich Sätze zurück wie Lass das, du Rassistenschwein oder Hören Sie bitte auf, sonst muss ich die Polizei rufen , sie kann sich nicht entscheiden ob Direktheit oder Höflichkeit von Vorteil ist und was davon mutiger ist. Gute Frage eigentlich, denkt sie verwirrt vor Angst, ist es mutiger, Respekt zu wahren oder zu missachten? Es tut doch beides irgendwie weh.

Als sie vor ihm steht und ihn am Rücken zaghaft antippt, wie ein Kind, dass sich verlaufen hat, sind alle Wörter ohnehin aus ihrem Kopf verschwunden. Sie steht einfach nur da und stammelt eine Mischung aus höflich und direkt, sowas wie: „Lassen Sie das, das ist rassistisch und illegal!“ „Illegal?“ Der Mann, er hat Bartstoppeln im Gesicht und sieht zwischen den Wutfalten müde aus, lacht auf. „Und was glaubst du, was der junge dreckige Mann hier ist? Ein legal eingereister Bürger, ein Deutscher?“ „Ich kann nichts dafür dass ich illegal bin.“ flüstert der „junge dreckige Mann“ kaum hörbar. „Ich warte noch auf die Papiere, und zuhause wäre ich jetzt tot.“ Entweder der Ältere hört es nicht, oder er will es nicht hören. „Du bist jung und verstehst nichts vom Leben.“ sagt er zu ihr, den höhnischen Unterton durch eine nahezu sanfte, freundliche Stimme ersetzt. „Aber was unsere Politik da macht, das geht zu weit, das sprengt die Grenzen. Und weil die in Berlin ganz oben in ihrer Aufgabe versagen liegt es nunmal an uns, unser Vaterland zu beschützen.“ „Indem Sie auf andere einprügeln?“ fragt sie verständnislos, obwohl ihre Knie dabei zittern wie verrückt. Seine Hände sind so groß, die Sehnen und Adern treten angespannt unter der Haut hervor. „Was ist mit dem ersten Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar!´ ?

Sie denken, das ist nur ein Tunnel unter der Erde, und hinter dicken Wänden ist Gewalt erlaubt, aber das hier ist ein Teil von Deutschland. Und wenn Sie Deutschland als ein Land sehen, das in der Behandlung von Bürgern anhand von Hautfarben und Herkünften Unterschiede macht, dann sind Sie falsch! Dann können Sie sich – wie war es noch mal – verpissen!

Plötzlich hat sie noch viel mehr von solchen Sätzen im Kopf, und am liebsten würde sie alle hinausschleudern. Im Augenwinkel sieht sie den Jungen weglaufen, erst langsam, dann rennt er durch den Tunnel in Richtung Helligkeit und Freiheit, zumindest für den einen Moment. Der Mann achtet nicht darauf. Er ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, und sie erkennt, dass es nicht noch mehr Worte braucht. Sie hat gewonnen. Vielleicht wird der Mann nie wieder an den Aufzügen lauern bis einer herauskommt, der nicht dem gestörten Ideal von diesen „Vaterlands-Schützern“ entspricht. Vielleicht wird er nachdenken und sich ändern wollen, wenn er den Mut dazu hat. Es erfüllt sie mit Stolz und Glück, dass sie sich getraut hat, dazwischen zu gehen, es macht sie nahezu euphorisch, sie schwebt – und dann rüttelt jemand an ihrer Jeansjacke.

„Bist du jetzt etwa eingeschlafen?!“ fragt Emanuel. „Das macht sie ständig.“ erklärt Luka. „Heute morgen im Französisch-Unterricht genau das Selbe.“

Thia blinzelt die Wand gegenüber an. Der Junge, der eingesunken und immer noch ganz blass daran lehnt, blinzelt zurück. Im Tunnel hallen noch die Schritte des Mannes, „Er ist gerade erst gegangen“, sagt Emanuel. „Wieso?“ fragt sie. Emanuel grinst leicht. „Vielleicht, weil ich doch etwas gesagt habe. Vielleicht, weil du recht hattest. Nur weil wir hier unter der Erde sind, kann man sich doch nicht alles erlauben.“ Der Junge, der garantiert kein Wort versteht, lächelt ihm zu.

Der Mann, der seiner Wut im Elbtunnel Luft gemacht hat, hat seit einigen Jahren eine Stimme bekommen: die AFD. Die vermeintlich eine Alternative für ein ganzes Land, vor allem aber immer wiederkehrende Diskussionen bietet und ihre rechten, rassistischen Tendenzen offen auslebt – legal, weil in Deutschland die Meinungsfreiheit herrscht und der Bundestag auch ein Stück weit von der Diversität menschlicher Ideale lebt. Und doch werden hier die Schattenseiten der Meinungsfreiheit deutlich. Meiner Ansicht nach sind viele Aussagen der AFD absolut nicht vertretbar. Sie ändern das Klima in Deutschland, verwandeln es von einer Willkommens- in eine Streitkultur. Dabei sind die Flüchtlinge sicherlich ein großer Knackpunkt. 2015 und 2016 habe ich an einem Projekt der Konzilstadt Konstanz, dem Europakonzil teilgenommen. Mit rund 40 Jugendlichen aus Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz haben wir gemeinsam Ansätze entwickelt, wie wir die europaweite Flüchtlingskrise angehen würden. Am Ende der Projektzeit besuchten wir das Europaparlament in Straßburg und stellten dem damaligen Europaparlamentspräsidenten Martin Schulz unsere Ideen vor. Was ich dabei gelernt habe, war, dass vermutlich nicht alle gute Ideen tatsächlich ihre Umsetzung erreichen werden, aber dass es sich zumindest lohnt, sie auszusprechen. Was Mut kostet, eine ganze Menge Mut.

Aber diesen Mut brauchen wir – Thia und Emanuel und besonders Luka im Elbtunnel, wir in unserem Alltag, Entscheidungsträger in der Politik. Den Mut, das auszusprechen, was wir gerne verschwiegen hätten. Den Mut, uns auf das Mitgefühl einzulassen, das uns zur Höchstleistung anspornt. Den Mut aufzustehen, wenn es nötig ist und das Gegenteil von Mut, ob es denn nun Ignoranz oder Angst oder irgendetwas anderes ist, hinter sich zu lassen. Auf dass wir im Platzregen laufen und es genießen können, auf dass wir mit ein-paar-Minuten-mutig-sein die Kraft haben unser ganzes Leben zu verändern und die Welt, sodass wir alle gerne in ihr leben.