BERLIN

Ich muss sagen, ich erlebe gerade einen äußert unangenehmen Moment. Glücklicher Weise erlebe ich ihn selten, aber immer mal wieder es soweit: ich sitze vor dem Laptop, starre auf das weiße Feld vor mir und warte vergeblich darauf, dass es sich mit Worten füllt. Heute ist so ein Tag. Nach dem, was sich am Montagabend ereignet hat, müsste ich eigentlich in der Lage sein, Seiten vollzuschreiben, darüber wie schrecklich das ist, dass der Terror Deutschland jetzt endgültig erreicht hat, wie ungerecht der Tod von 12 Menschen ist und wie unsinnig die Frage nach dem Wieso. Erschreckender Weise habe ich über diese ganzen Dinge nicht einmal nachgedacht. Erschreckender Weise habe ich nahezu überhaupt nicht nachgedacht.

Es war ein wirklich seltsamer Montagabend. Seltsam vor allem deswegen, weil ich um circa 19 Uhr am Laptop saß und mir wie durch Zufall die Bilder unserer Berlin-Fahrt im Sommer angeschaut habe. So etwas mache ich öfter, man könnte auch sagen ich bin süchtig nach Erinnerungen, womit sich meine 40 Tagebücher im Schrank und das Marmeladenglas voll mit Post-ist über schöne Erlebnisse auch erklären lassen. Es war also belanglos, aber gleichzeitig habe ich so stark gefühlt, wie sehr ich Berlin mag, wie gerne ich zurück möchte. Es gibt zwei Projekte in 2017, die mich eventuell nach Berlin bringen könnten, und ich möchte alles dafür tun dass sie wahr werden. Um circa halb acht habe ich den Laptop zugeklappt, um 20 Uhr war ich gerade vertieft in das 10-Minuten-Playmobilvideo über Death of a salesman (Englisch-Klausur am nächsten Tag). Um 21:46 Uhr – mittlerweile hatte es sich schließlich auch mir erschlossen dass Uncle Ben tot ist und Willy Loman psychisch nicht ganz auf der Höhe- schrieb meine Tante, die in Berlin wohnt, in die Family-Gruppe, dass es ihr gut ginge und wir uns keine Sorgen um sie machen sollten. Sorgen? Wieso Sorgen?

An diesem Punkt ist mir wieder einmal bewusst geworden, wie sehr ich das heutige Zeitalter des Internets trotz mancher Nachteile schätze. Innerhalb von 10 Sekunden lieferte mir GOOGLE auf das Schlagwort Berlin die Antwort: Terroranschlag. Keine Minute später Nachricht von einem guten Freund von mir: Arme Welt.

Arme Welt. Ich brauche euch den Rest nicht erzählen, das wisst ihr alle selber, und ich kann euch jetzt auch nichts von einem Schockzustand schreiben, der mich nach dem Erfahren dieser Nachricht erreicht hat, denn den gab es nicht. Was ich gefühlt habe, war einfach nur das was diese zwei Worte – arme Welt- ausdrücken: Resignation. Müdigkeit. Mitleid.

Nach dem Attentat in Paris , nach Nizza, nach Brüssel, nach Istanbul: ich habe Seiten darüber geschrieben wie schockiert ich bin, und jetzt komme ich mir vor wie ein emotionsloses Monster weil ich es über Berlin, unsere eigene Hauptstadt, über 12 unschuldige Menschen nicht tue. Was ist los mit uns? Sind wir so abgestumpft, im Inneren so erschüttert von dem Terror der vergangenen Monate und Jahre dass wir es leid sind, jedes Mal von Neuem in ein Loch der Bestürzung zu fallen? Ich weiß es nicht.

Das Einzige, was ich eigentlich wirklich fühle ist Wut gegenüber den 284685823469 Menschen im Netz, die jetzt wieder standardgemäß abdrehen und fröhlich Instrumentalisierung betreiben. Was bitte soll das- diese 12 Menschen sind nicht Merkels Tote ,auch nicht der persönliche Besitz der AFD zum Wahlkampf. Diese Menschen sind Opfer einer terrorisierten Welt, überspitzt gesagt Märtyrer der Freiheit. Keiner von ihnen hätte sterben dürfen aber sie alle sind tot und werden nicht wieder davon lebendig, dass im Netz und in der Politik ein Streit entfacht wird über Flüchtlinge und Obergrenzen.

Eine Sache gilt es noch zu retten: Berlin als die Stadt der Freiheit, der Offenheit, der Multikulti-Atmosphäre. Ich war bisher drei Mal in Berlin und jedes Mal fiel es mir so schwer zu gehen, weil mir genau diese Werte wichtig sind. Nach ihnen lebe ich auch daheim in Süddeutschland irgendwie, und ich könnte es nicht ertragen dass diese Werte von einem beschissenen (sorry) LKW überrollt werden.

Aber die letzten Tage haben Gott sei Dank gezeigt, dass es nicht so weit kommen wird. Nicht in Berlin, der Stadt mit den vorlauten Menschen die sich nicht unterkriegen lassen von den kranken Vorstellungen mancher Gesellschaftsgruppen. Nicht Berlin. Dazu möchte ich euch dieses Video zeigen, das ich in Facebook gefunden habe und das so viele Menschen wie möglich erreichen muss. Unbedingt!

https://www.youtube.com/watch?v=8ieOgQU-uK0

Das ist das Berlin, dass die Terroristen zerstören wollten, ohne Aussicht auf Erfolg. Diese Stadt hat mich in seinen Bann gezogen bevor ich wusste, wie verwundbar es ist. Jetzt hoffe ich erst recht, so schnell wie möglich hinzukommen.

Selbst in der nordfranzösischen Stadt Dieppe brennen Kerzen für die Opfer von Berlin. Meine Freundin Marine hat mir ein Bild davon geschickt und ich habe ihr gesagt, dass ich mich stets gefragt habe, wie es sich für die Franzosen anfühlen muss, Terror im eigenen Land zu haben. Jetzt bin ich in der selben Situation und alles was ich sagen kann ist, es fühlt sich nicht an als wäre es im eigenen Land, es fühlt sich nicht real an, es fühlt sich gar nicht an. 2 Tage bis Weihnachten und Terror wo man hinsieht. Angst, Unsicherheit, Wut, Emotionslosigkeit.

Es scheint, es würde nie aufhören.

Arme Welt.