5 jours á Taizé

Taizé. Wo fängt man an und wo schafft man es aufzuhören, wenn man nach diesem Ort gefragt wird? Und ich bin oft gefragt worden, seit ich am Montag aus Frankreich zurückgekehrt bin. Trotzdem hat es mich weitere 4 Tage gekostet, den Mut zum Anfangen zu fassen. Ich will dass dieser Text gelingt, dass er meinen Erfahrungen und meinem Eindruck irgendwie gerecht wird. Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll, denn irgendwo hören auch Worte auf, etwas beschreiben zu können – und ich glaube Taizé ist ziemlich unbeschreiblich.

Wikipedia findet zu Taizé folgende Worte:

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Hier heißt der Ort Gemeinschaft und Männerorden, aber ganz umgangssprachlich gilt Taizé auch oft als Kloster. „Wir fahren ins Kloster!“ haben wir Wochen vor der, von der Schule angebotenen Fahrt, zu unseren Freunden gesagt, mit einem Zwinkern in den Augen, das zwei Tage vor der Abfahrt längst verschwunden war.  Meist lautete die irritierte Antwort: „Ah. Und was macht ihr da?“ Ja, was macht man in einem kleinen französischen Dorf mitten im Burgund, wo es weder Internet noch eine Zugverbindung gibt? „Ähm, Beten. 3 Mal Gottesdienst am Tag. Und Arbeiten!“ Verstörte Blicke von der anderen Seite. Dann ein höfliches: „Das klingt ja interessant.“ Nein, dachte ich einen Tag vor der Abreise, beim Packen meines geliebten roten Backpacks, unglücklich. Das klingt nicht interessant. Ich wollte nicht schon wieder 5 Tage kein Internet haben. Ich wollte zu keinem meiner Freunde Tschüss sagen, und nach nur zwei Wochen Schule sehnte ich mich bereits nach einer Auszeit im Bett. Für 5 Tage. Mindestens.

Trotzdem ging es am Donnerstagmorgen los. Meine letzte Fahrt ins Blaue für dieses Jahr, ich war fast ein bisschen sehnsüchtig als mir das bewusst geworden ist. Mit dem Zuschlagen der Haustüre ließ ich meine Welt für eine Zeit lang hinter mir, ich war wie rausgerissen aus dem Alltag, 5 Tage nach denen nichts mehr war wie vorher- und ich habe versucht, das mal in ein paar Abschnitten zu bündeln.

ankunft

Bevor wir gefahren sind, haben immer alle gesagt: Nehmt warme Klamotten mit, es wird so kalt. Endresultat war die Ankunft an einer 26 Grad warmen Spätsommermittag. Elise, eine junge Frau die uns auf Deutsch begrüßte, trug kurze Hosen und ein Top. Ich dachte am Anfang, sie wäre ein länger bleibender Volunteer, oder gar eine Angestellte, aber die Wahrheit ist dass die Besetzung von Taizé jede Woche wechselt. Elise war seit 4 Tagen in Taizé, kannte sich aber bereits genug aus, um uns auf alles Wichtige hinzuweisen. Wir befinden uns bei La Morada. Da könnt ihr immer hin, wenn ihr was verloren oder sonstige Probleme habt. Am Oyak kann man abends feiern. El Abiodh ist die Krankenstation, da ist die Kirche, da die Essensausgabe. Spanische Worte schwirrten durch meinen Kopf, aber einige aus unserer Gruppe waren schon zum zweiten Mal hier und versicherten, dass man sich schnell auskannte.

In Taizé kann man zelten oder wie wir, Baracken beziehen. Das einfache Leben, Zimmer an Zimmer nebeneinander, schlicht gestrichene Wände und 3 oder 6 Metallstockbetten. So viele Jugendliche auf engem Raum- keiner weiß wieso das funktioniert, aber das tut es einfach.

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gottesdienst

3 Mal am Tag Gottesdienst- das war zu Beginn der Reise eine unserer unbehaglichsten Tatsachen. Meiner Meinung nach kann man uns das nicht verübeln, denn das, was wir zuhause als Gottesdienst kennen und erleben, ist nichts, was man drei Mal täglich haben möchte. Eigentlich nicht mal einmal wöchentlich -so ehrlich muss ich sein. Ich gehe hin, aber ich bin auch froh, wenn ich wieder gehen kann, und das ist in Taizé ganz anders.

Bereits beim Betreten der Kirche fühlt man sich irgendwie besonders. Es ist schwer, sie mit unseren Kirchen zu vergleichen. Überall ist Teppichboden ausgelegt, fast alles besteht aus Holz und der Mittelgang wird mit einer niedrigen Hecke vom Rest der Kirche abgetrennt- hier sitzen die Mönche.

Leider ist das Fotografieren in der Kirche nur zu bestimmten Zeiträumen möglich und die Lichtverhältnisse sind ohnehin schlecht, deshalb verlasst euch an dieser Stelle auf eure Fantasie- oder kommt am besten einfach her und seht es euch mit eigenen Augen an.

Der Gottesdienst besteht im Grunde genommen aus Liedern, einer Lesung auf Französisch und Englisch und einer etwa 10minütigen Schweigezeit. Wie man das drei Mal am Tag machen und sich immer noch nicht langweilen kann, weiß ich nicht, aber es klappt wirklich! In dieser Zeit sitzen alle auf dem Boden, man kann den Kopf auf die Knie stützen oder sich in Gebethaltung begeben- eigentlich kann man alles machen was man will, solange man niemanden anderes stört. Diese Möglichkeit ist etwas unglaubliches Befreiendes- sie gibt dir das Recht, drei Mal am Tag du selbst zu sein – und davon kann man nie genug haben.

Meine Lieblingslieder aus den Taizé-Gesängen sind The Kingdom of God, Jesus remember me und Jesus, ma joie, mon esperance et ma vie. Fast alle Gesänge kann man in Youtube/ Spotify anhören.

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essenszeit

Vier Mal am Tag versammelt sich die ganze Gemeinde an der Essensausgabe. Wobei ich direkt mal an unsere Mensa erinnert wurde, aber das hielt nur so lange an, bis ich das erste Mal probiert habe. In meinem Backpack befanden sich hunderte von Frühstückskeksen, für den Fall dass das Essen eine Katastrophe wäre, aber diese Angst konnte ich getrost vergessen. Ich liebe das Essen von Taizé.

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Die freiwilligen Helfer, ,die jeden Tag die Gesichter wechseln, drücken dir freundlich lächelnd ein kleines Baguette, ein abgepacktes Stück Butter und zwei Zartbitter-Schokolade-Stücke in die Hand.

Hier bitte, das ist dein Frühstück.

Dazu gibt es Tee oder Kakao in Schalen. Du kannst ja gar nicht anders, als die Herausforderung des Essens anzunehmen, außer du ziehst es vor zu verhungern. Das Brot wird an der Seite mit den Fingern aufgetrennt. Die Schokoladenstücke sind erst dein Buttermesser, dann der Belag des Baguettes. Wirklich: es hat so lecker geschmeckt!

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Immer wieder, wenn man in der langen Essensschlange ansteht, kommt es vor dass die (wirklich längerfristigen) Volunteers herumlaufen und „any volunteers“ suchen. Entweder für die Essensausgabe, für das Big Washing Up oder für das Small Washing Up. Eigentlich meldet sich immer jemand freiwillig, früher oder später zumindest – meistens später. Wer sich überwindet, wird belohnt, mit einem tosenden Applaus und einer Runde aus strahlenden Volunteers die einen Willkommen heißen. Vor der Eröffnung der Essensausgabe singen alle Helfer gemeinsam ein Lied. Die Leute vom Washing Up bekommen dann als Erstes zu Essen, das Distribution-Team bezieht die Pläte und los geht´s. Ich war selbst zwei Mal im Distribution-Team und habe es so gerne gemacht, weil einem die freundlichsten Menschen der Welt begegnen. Ganz anders als in der Mensa, wo alle schlecht gelaunt vor Hunger auf das Essen warten lächeln dich hier alle an, bedanken sich für das, was du ihnen in die Hand drückst ( in meinem Fall gefühlt 29743865 Löffel) und ziehen zufrieden davon. Ein Teil der Zufriedenheit bleibt bei dir- das ist die Arbeit hier. Es fühlt sich nicht wie Arbeit an. Nicht mal das Spülen der gefühlt 10 Millionen roten Plastikschüsseln, Teller und Tablette beim Small Washing Up. Small bedeutet leider nicht, dass es wenig zu tun gibt, es dient nur zur Unterscheidung vom Big Washing Up, wo die großen Töpfe vom Kochen gespült werden. Wir waren zwei Mal beim Small Washing Up. und wenn wir es nicht waren waren garantiert andere Schüler unserer Schule an den Spültöpfen. Unsere armen Lehrer sind fast vom Glauben abgefallen, wie sozial und fleißig wir auf einmal waren. Das ist definitiv Sozialpreis- würdig, wenn ihr mich fragt. Aber mir hat es nichts ausgemacht, das zu machen, wir haben eigentlich immer gesungen und hatten viel Spaß, und eines schönen Tages hat sich aus dieser Spülaktion etwas Großartiges ergeben. Merkt euch eins: wenn ihr Kontakte knüpfen wollt, müsst ihr spülen gehen!

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franzoesische-freundschaften

Wie gesagt, es geschah am hellichsten Tag, beim Spülen.

Ich stand da so, und spülte mit meinem guten alten weapon ( mittler Weile ist mir auch klargeworden, dass unsere Volunteerin den Begriff „Waffe“ als Spaß verwendet hat, aber ich dachte wirklich 5 Tage lang, Spülbürste würde auf Englisch weapon heißen…) die gefühlt 10 0000 rote Plastikschüssel, als ein Mädchen an meinen Spülbottich kam. Wie es in Taizé so üblich ist, kamen wir ins Gespräch, deutsch-englisch-französischer Mischmasch und viel internationales Lachen zwischendurch. Das Mädchen heißt Marine, wohnt in der Normandie und war wie wir mit der Schule, mit ihren Freundinnen Marie, Meline, Anna und Josephine in Taizé. Es ging genau ein Tag, und wir waren alle irgendwie Freunde.

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Wir hingen zusammen im Zimmer herum, spielten auf den Straßen vor den Baracken Chems mit den Leuten aus Marines Klasse, halfen alle zusammen bei der Essensausgabe, stellten Vergleiche zwischen Frankreich und Deutschland auf und brachten uns gegenseitig neue Wörter bei. Unsere Französischlehrerin, die letztes Schuljahr eine circa 4-monatige Lektion zum Thema „deutsch-französische Freundschaft“ durchbringen musste, hätte die hellste Freude gehabt wenn sie gesehen hätte, wie sehr wir diese Freundschaft auslegten. Nur gut, dass sie nicht wissen konnte, dass wir uns auch in Sachen Schimpfwörter in der anderen Sprache gehörig auf den neusten Stand gebracht haben. Weiter kamen wir zu dem Schluss, dass 99 Prozent unseres Französischunterrichts sinnlos war, denn a) fehlten uns letztendlich dann doch die ganzen Grundvokabeln und b) benutzen die Franzosen im Alltag einfach mal keinen Subjonctif. KEINEN SUBJONCTIF! 6 Monate meines Lebens sind draufgegangen, damit ich kapiere, wieso es „Je pense que ce soit bon“ heißt, und nicht „Je pense que c´est bon“! An dieser Stelle bedanken wir uns mal wieder herzlich bei der Schule im Generellen, dass sie uns so viel nützliches beibringt und uns niemals mit Dingen quälen würde, die wir im echten Leben wohlmöglich gar nicht brauchen. 🙂

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So oder so war es eine unglaublich schöne Zeit mit les francais, in denen uns sehr sehr viel über unsere Fremdsprachenkenntnisse klar wurde (und es ist uns tatsächlich gelungen, einen Satz mit englischen, französischen und spanischen Elementen zu kombinieren ohne es überhaupt zu merken).

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Abends saßen wir im Oyak, haben zur Gitarrenmusik gesungen und gelacht. Das ist auch Taizé, die Verbundenheit mit Leuten, die man gestern um die Zeit noch nicht gekannt hat.

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Am Samstag war die „Nacht der Lichter“ in der Kirche, und es hätte wunderschön sein können, hätten wir nicht immer wieder traurig daran denken müssen, dass die Franzosen nach dem Gottesdienst zurück in die Normandie fahren mussten. Zum Glück blieben uns nach dem Gottesdienst dann noch einige schöne Stunden am Oyak mit Andrés Gitarre( du bist ein Held :-D) Als der Bus kam, gab es eine tränenreiche Verabschiedungen, viele Umarmungen und Versprechungen, von denen ich euch nicht sagen kann, ob sie wahr werden, aber ich hoffe es.

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Besonders der Abschied von Marine (rechts) fiel mir unglaublich schwer. Ich kann euch gar nicht sagen wie sehr ich es genossen habe, rund um die Uhr französisch zu sprechen und zu hören. Auch wenn ich nicht alles auf Anhieb verstehen konnte, Marine hat mir immer geholfen und wir hatten so viel Spaß zusammen.

Generell waren wir die beste Taizé-Crew überhaupt und das Gruppenbild, das wir irgendwann mal mit dem Selfiestick gemacht haben, ist genau wie wir: nicht perfekt, aber sehr, sehr cool 🙂

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Was bleibt sind die Erinnerungen, Facebook-Freundschaften, Bilder und die Tatsache, dass Taizé für immer unser Ort sein wird, das was uns verbindet. Auch wenn es nie wieder so sein wird wie in diesen 5 Tagen, manchmal hat man den Eindruck in Taizé würde die Zeit stehen bleiben, und das macht Hoffnung.

Am Tag darauf gab es die selbe tränenreiche Verabschiedung übrigens noch einmal, nur dass dieses Mal die Stufe unter uns und eine andere französische Schulklasse dran war. 😉

Taizé führt so viel zusammen. Einmal habe ich einen Mann mit einem Rucksack vom Weltjugendtag entdeckt, und ih wortlos mein Armband gezeigt. Er hat -ebenfalls wortlos- seinen Ärmel hochgekrempelt, mich angegrinst und das selbe Armband an seinem Handgelenk gezeigt. 🙂

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traenenreiche-naechteDie gab es auch ohne dass abreisende Franzosen im Spiel waren – und zwar zu Genüge. Ich würde so gerne eine Erklärung liefern, genau sagen können wieso das so ist- aber es ist unmöglich zu beschreiben, was dich in Taizé zum Weinen bringt. Ich kann dir nur so viel sagen: es passiert.

Du sitzt drei Mal am Tag in dieser Kirche. Mal umgibt dich Stille, mal umgibt dich Gelächter, du lebst wie immer und doch ganz anders, und irgendetwas macht das mit dir. Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass das Leben funktioniert, auch ohne Internet und Luxusdusche. Vielleicht schockt es dich, wie verletzlich du eigentlich bist. In der Stille, die dich umgibt, werden deine Probleme laut. Hier, weit weg von deinem Alltag ist zum Einen alles so gut, aber zum anderen wird dich erst klar, was die eigentlichen Probleme sind. Es fühlt sich an als wärst du wochenlang nur rumgerannt und hättest einfach mal gemacht, und hier wird dir erst klar, was eigentlich passiert ist.

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Und dann sitzt du in dieser Kirche, heulst und heulst und kannst gar nicht mehr aufhören, aber es macht nichts. Du kannst mit 500 Leuten hier sein und hast immer noch deine Privatsphäre. Niemand sieht dich komisch an, wenn du heulst, weil alle wissen dass es in Ordnung ist. Dass es dazu gehört. Danach fühlst du dich seltsam leer, aber nur so lange bis du deine Freunde umarmst und mit ihnen im Zimmer redest, und so lange über alles redest, bis du wieder lachen kannst. So kann das im Zweifel jeden Abend gehen, und deswegen lautet unser inoffizielles Taizé-Motto jetzt:

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Wer so glücklich und zufrieden mit seinem Leben ist, dass er beim besten Willen kein Grund zum heulen hat, aber trotzdem dabei sein möchte, der kann sich gerne mal nach dem Abendgottesdienst zu einem Bruder setzen und sich fünf Minuten mit ihm unterhalten- das bringt einen nämlich ziemlich definitiv auch zum Heulen. Wir sprechen nur aus Erfahrung. 🙂

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stille

Wenn irgendwann im Gottesdienst der Punkt der Schweigezeit erreicht ist, kann es sein, dass etwas Magisches passiert. Man kann vier Minuten schweigen und immer noch nicht realisieren, dass man gerade schweigt. Etwas in dir hat sich auf die Stille eingelassen, bevor du es begreifen konntest. In Stille beginnen die Gedanken in dir, laut zu werden. Wann im Alltag nimmst du dir Zeit, den Stimmen in dir zuzuhören?

Dass man in Taizé so viel über sich selbst lernt, hängt aus meiner Sicht hauptsächlich mit den 3 Schweigezeiten täglich zu sammen.

Du sitzt mit so vielen Menschen in der Kirche und bist doch mit dir alleine. Gedanke für Gedanke zieht durch deinen Kopf. Ängste kreisen, finden Gehör und haben damit die Chance, sich aufzulösen. Du verharrst, liegend, gebückt oder aufrecht, schwimmst in einem Meer, das Ufer in Sicht. In jedem einzelnen Gottesdienst habe ich mich auf die Schweigezeit gefreut. Es gibt auch eine Kapelle im Inneren von Taizé, in der es so still ist, dass es auf die Ohren drückt. Man wird fast süchtig danach, dort zu sitzen und sich selbst zuzuhören.

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gott-ist-in-der-stilleWieso ist uns Gott in der Stille so viel präsenter als im gewohnten Alltag? Nach all der Zeit in Schweigen glaube ich, Gott ist lieber in der Stille. Oder vielleicht ist er auch überall gleich gerne, nur fällt es uns in der Stille leichter, ihn zu bemerken. Gott ist Stille. Ewige, kommentarlose Stille, sie sich um uns legt. Stille ist überall und immer, sie wird nur übertönt von Geräuschen. Wie Gott.

Die Stille während der Schweigezeiten ist erlösend. Nicht wie dieser Moment im Unterricht, wenn keiner eine Antwort weiß und der Lehrer fordernd seinen Blick durch den Raum wandern lässt. Es scheint mir fast unmöglich, Gott in einer solchen Stille zu erkennen.

In Taizé heißt der Ort, an dem man Gott in Stille treffen kann „Tal des Schweigens“. Es gibt eine Quelle und einen See, aber abgesehen von diesen Geräuschen ist es wirklich komplett still.

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ist-gott-schon-unter-unsIn einer Bibelbesprechung mit unserer Lehrerin kam die Frage auf, ob Jesus´ Wiederkunft bereits geschehen ist. Nach seiner Himmelfahrt lebten seine Jünger in einer sogenannten Naherwartung, sie rechneten also jeden Tag damit, Jesus würde zu ihnen zurückkommen. Seitdem sind fast 2000 Jahre vergangen. Und so fragten wir uns: ist Jesus längst wieder unter uns?

„Hier ist es am Deutlichsten.“ sagte ein Priester nach dem Abendgottesdienst zu mir. „Sieh dir diesen Ort an, die Menschen, die Gemeinschaft. Das Alles ist der lebendige Beweis für Jesus´ Beisein.“ Auf seine Worte hin ließ ich meinen Blick durch die große Kirche wandern. Menschen knieten oder lagen auf dem Boden, hielten sich im Arm. Sie verharrten im Gebet, mache weinten, andere sangen, immerzu das Selbe: The kingdom of God is justice and peace, and joy…Das Königreich hatte in diesen Momenten schon begonnen.

„Jesus ist da.“ sagte unsere Lehrerin in der Bibelbesprechung. „In den kleinen Wundern, denen keiner mehr Beachtung schenkt.“ „Kann es sein,“ meinte ein Mädchen aus unserer Gruppe, „dass die Leute heutzutage glauben, Gott nicht mehr zu brauchen?“ Die Vermutung leuchtete uns ein. Früher war Gott alles für die Menschen, das, woran sie sich festhielten. In der heutigen Zeit, wo die Medizin besser und besser wird und es eine Millionen Sicherheitsmaßnahmen für jede Situation unseres Lebens gibt, erscheint Gott überflüssig, unnötig. Die Menschen hören auf, sich an ihm zu orientieren, selbst die unerklärlichsten Dinge wie Spontanheilungen werden als Zufall oder Einbildung abgetan.

Außer in Taizé. Hier ist alles magisch, und hier könnte alles geschehen – wir würden es glauben.

Abends im Oyak haben wir immer wieder ein Lied gesungen, dass irgendwie alles zusammenfasst, was wir in der Bibelstunde besprochen haben. Es begleitet einen auch nach Taizé noch jeden Tag.

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Schwer zu glauben, dass alles was hier über Jahrzehnte entstanden ist und Taizé ausmacht letztendlich auf eine einzige Person zurückzuführen ist. Frére Roger war der erste Bruder von Taizé, ein Mann der einst die Vision einer Begegnungsstätte hatte und praktisch aus dem Nichts die Kirche und die Wohnstätten erschaffen hat. Ihm ist das alles zu verdanken, aber das reicht noch nicht, denn Frére Roger hatte zudem eine ganz besondere Ausstrahlung. Das weiß ich von dem Film über sein Leben, der an einem verregneten Mittag in einem der Workshop-Räume lief. Das Leben des Frére Rogers. Es endete im Jahr 2005 während eines Gottesdienstes. Eine an Shizophrenie erkrankte Frau erstach Frére Roger inmitten der anderen Brüder. Bei diesen Filmsequenzen begannen mehrere ältere Franzosen im Raum zu weinen. Ein alter Mann schüttelte immerzu den Kopf.

Ich habe Respekt, dass sie weitergemacht haben. Die Brüder von Taizé haben den Glauben an die Magie des Ortes nicht aufgegeben. Ich bin froh dass es so ist.

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Nach dem Film, als es aufhörte zu regnen, ging ich zum Grab von Frére Roger. Es befindet sich vor der Dorfkirche, und von allen Gräbern die auf diesem Kirchhof sind ist es das unscheinbarste. Kein großer Grabstein, keine aufwändigen Dekorationen, nur ein kleines Holzkreuz und ein Beet mit roten Blumen. Ich kniete vor das Grab und fühlte mich seltsam, weil es sich fast so anfühlte, wie wenn ich das Grab meines Großvaters besuchte, obwohl ich Frére Roger nie besucht habe. Ich wusste nur, dass wir ihm das alles zu verdanken hatten. Ich sprach ein Gebet auf Französisch, hoffend, der Gute würde mir die Aussprachefehler verzeihen, und blieb noch einen Moment sitzen. Ein Vorbild für die Welt lag unter mir, und ich hätte den Moment der Nähe gerne für immer bewahrt.

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geburtstagVor der Abreise habe ich mich mehr oder weniger geärgert, über meinen Geburtstag weg zu sein. In unserer Nähe waren zwei Fester, auf denen ich mit meinen Freundinnen reinfeiern hätte können. Stattdessen sollte ich im Kloster sitzen und ohne einen Tropfen Alkohol die Nacht meines 17. Geburtstags verbringen soll.

Kaum war ich aber angekommen wusste ich, was es für ein Glück war, hier feiern zu können. Sicher wird mir dieser Geburtstag für immer in Erinnerung bleiben. Zwar schloss das Oyak bereits um halb zwölf, sodass wir die Party auf die Baracken verlegen mussten, aber das störte mich nicht großartig. Im Weg stand uns eigentlich nur das „Night Welcome“- Team, das pünktlich um 23:55 Uhr auf der Matte stand und uns mitteilte, dass die Party nun leider zu Ende war. Meine Freunde erklärten eifrig, dass eine von uns in 5 Minuten Geburtstag hatte- hierbei zeigten sie alle auf mich, na danke- und wir das leider unbedingt noch feiern mussten. Ich saß nur so da, grinste dumm und fühlte mich schuldig- aber das „Nigth Welcome“-Team erwies sich als gnädig. So wurde ich in einer kahlen, dunklen Baracke 17Jahre alt, umringt von meinen Freunden – ich war überglücklich. Das „Night Welcome“-Team auch, denn endlich konnte es uns alle ins Bett schicken.

Wenn ihr die Wahl bei der Aufgabenverteilung habt, nehmt lieber nicht diese an, ich glaube damit seid ihr so ziemlich das unbeliebteste Team in ganz Taizé. 😉

Wir waren dann noch für zwei Stunden in der Kirche, etwas, was man von einem 17. Geburtstag jetzt auch nicht unbedingt erwartet. Hunderte von Gedanken begleiteten mich in dieser Nacht. Einer hielt sich ziemlich oft: das war der erste Geburtstag ohne mein Großvater, und da flossen, wie sich das für Taizé gehörte, doch einige Tränen. Danach fühlte ich mich besser, und von mir aus hätte die Nacht nie zu Ende gehen könnten. Unsere allerletzte Nacht in Taizé.

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Das war´s. 5 Tage in Taizé waren zu Ende. Der letzte Morgen, der letzte Gottesdienst, die letzten Tränen beim Verlassen der Kirche, in der wir so viel Zeit verbracht hatten. Ich war hin- und hergerissen, vor Freude auf Zuhause, mein Bett und meine Dusche, und vor Traurigkeit, weil wir hier so viel zurückließen. Vor dem Alltag hatten wir alle Angst.

Ein Teil von uns blieb jedoch in Taizé. Es ist dort Brauch, eine Postkarte zu kaufen, mit der eigenen Adresse zu beschreiben und sie an das große Messages- Brett im Essensbereich zu hängen. Menschen aus aller Welt können ihre guten Wünsche darauf schreiben, und wenn sie voll ist, wird die Postkarte zu dir nach Hause geschickt.

Bisher habe ich noch keine Post bekommen, aber die Postkarte die meine Cousine und ich für unser kleines Patenkind aufgehängt haben ist bereits angekommen- voll mit guten Wünschen für seine Zukunft. <3

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Als der Bus die Ortsausfahrt passierte und Taizé im Fenster immer kleiner wurde, überlegte ich, wie viele meiner Geheimnisse Taizé von mir kannte, und mir wurde schlagartig bewusst: alle.

Taizé ist kein Ort, um Antworten zu finden, er hilft dir nur, die richtigen Fragen zu stellen. Kein Ort, der alle Probleme löst, sondern einer, der dir zeigt welche du überhaupt hast. Es liegt an dir, etwas daraus zu machen. Verantwortung zu übernehmen, mit der ständigen Bestätigung, dass Gott hinter dir steht. Oder vor dir. Oder wo es eben sein muss.

Keiner von uns hatte Schwierigkeiten, zurück in den Alltag zu kommen. Irgendwas hat uns die Energie gegeben, das Leben in die Hand zu nehmen. Was gibt es Besseres, als von einem Ort zu wissen, an den man immer zurückkehren kann, wenn man neue Energie schöpfen muss? Wir haben alle Pläne, uns da wieder zutreffen, auch mit den Franzosen, und Marina und ich träumen jetzt schon von einem gemeinsamen Sommer in Taizé.

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Zu allerletzt DANKE an alle, die diese Zeit so genial gemacht haben: Chiara, Maren, Vanessa, Leoni, Ellen, Ann-Kathrin, Katja, Merle, Theodora, Viola, Ina, Lea, Sina, André, Nathan, Lucas, Sven, Joscha, Timo, Marcel, Marian (sagt bitte dass ich niemanden von unserer Schule vergessen habe), Marine, Meline, Marie, Josephine, Victor, Louis, Tanguy, Paul, Adrien, Sami und Alex.

Taizé, du warst wunderbar!

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