1035 Minuten Graz

Today is the greatest
Day I’ve ever known
Can’t wait for tomorrow,
I might not have that long
I’ll tear my heart out
Before I get out

-Williamette Stone

Freitag, 07.April 2017, 05:45 Uhr:

Wenn du dich jemals unbeliebt fühlst, oder unerwünscht, mach dir keine Sorgen: die wohl unbeliebtesten Dinge dieser Welt sind Wecker. Ich hasse es.

Heute ist eine Ausnahme. Heute macht es mir gar nichts, dass der Wecker klingelt, denn ich bin schon fünf Minuten wach, voller Vorfreude auf den Tag, der vor mir liegt, weil nach 189 Tagen fahre ich heute zum ersten Mal wieder weg. Raus von hier, wo alles ist wie immer, in eine Stadt, von der ich bis auf den Bahnhof nichts schonmal gesehen habe. Graz!

07:30 Uhr:

Schade nur, dass Graz von unserem Zuhause circa 600 Kilometer entfernt ist, erreichbar nur mit Bus und Bahn. Ich habe mich für das Zweite entschieden und so schmeißt mich mein Vater jetzt um 07:30 Uhr am Bahnhof in Riedlingen raus. Riedlingen ist ziemlich klein, es gibt nur einen Bahnsteig also könnte es entspannter eigentlich gar nicht sein. Nichts kann schief gehen, denke ich, atme tief durch und winke meinem Vater hinterher. Ich bin froh, allein zu sein.

07:35 Uhr:

Ich stehe 14 Minuten zu früh am einzigen Bahnsteig, etwas das ich gerne mal morgens beim Schulbus erleben würde, und frage mich, welches Lebensmittel aus meinem prall gefüllten Rucksack ich wohl als Erstes essen werde (ich habe genug!).

Ich freue mich auf die Reise, vor allem auf die Menschen die ich kennenlernen werde, denn von meiner letzten Fahrt nach Graz 2015 weiß ich eines ganz genau: Begegnungen sammelt man beim Zugfahren genug.

Außer mir steht aber nur noch eine ältere Frau am Bahnsteig, mit hochgezogener Kapuze, einem langen Umhang und auffallend blauen Augen. Sie sieht nicht so aus, als würde sie ein Gespräch mit mir anfangen wollen, ich schätze das beruht auf Gegenseitigkeit, und so schaue ich weiter vor mich hin, filme den spektakulären Bahnhof von Riedlingen für mein noch spektakuläreres Video am Ende des Blogposts und erwische dabei zufällig auch die blaue Anzeigetafel, die am Bahnhofsgebäude befestigt ist, und den Fahrgästen Informationen über ihren Zug liefert. Es ist so eine Art Fließband, also erscheinen die Buchstaben und Worte nach und nach. So erfahre ich im Sekundentakt, was meinen wochenlang geplanten Tag noch durcheinanderbringen soll:

Z U G N A C H U L M 0 7 : 4 9 – W E G E N T E C H N I S C H E M D E F E K T C I R C A 1 5 M I N U T E N V E R S P Ä T U N G

So, und jetzt dürft ihr mal raten, wer in Ulm eigentlich nur 10 Minuten Umstiegszeit hat?

Diese Person wird augenblicklich panisch, spamt die Whatsapp-Familiengruppe voll und registriert im Augenwinkel, dass auch die Kapuzen-Frau die Ankündigung mittlerweile gesehen hat.

Auch ein älterer Mann im blauen Anorak, der gerade erst den Bahnsteig erreicht hat, sieht mit Schrecken auf die Anzeigetafel. „Das hat mir gerade noch gefehlt.“ sagt er, mit einem so missmutigen Ton dass ich darauf vorsichtshalber nichts erwidere. Obwohl ich natürlich mindestens genauso planlos bin. IchhabkeineAhnungwasichjetztmachensoll-planlos. Fakt ist, der Eurocity nach Graz fährt um 8:56 Uhr in Ulm- bis dahin muss ich es schaffen. Die Bahnhofsfrau am Schalter hat keine Ahnung wann der Zug kommen wird, sagt dass es nicht möglich ist den Eurocity in Ulm aufzuhalten und leiht mir immerhin das antiquäre Bahnhofstelefon, weil ich – topvorbereitet für eine Reise ins Ausland – mal wieder kein Guthaben zum Telefonieren hat.

Mein Vater antwortet mit einem nüchternen: „Ich muss arbeiten!“, womit er natürlich recht hat, sonst könnte ich heute gar nicht hier stehen. Meine Mutter, die zuhause ist, verspricht, sofort loszufahren und ich könnte sie küssen dafür. Ich bin mir eigentlich sicher, dass das zu schaffen ist, so weit weg ist Ulm von Riedlingen jetzt auch nicht. Dass alleine der Zug eine Stunde und 10 Minuten bräuchte wird ignoriert.

7:40 Uhr:

Nach meinen nervenaufreibenden, den ganzen Bahnsteig beschallenden Telefonaten nähern sich mir die Kapuzenfrau und der Mann im blauen Anorak. Sie müssen auch nach Ulm und schlagen vor, zu dritt ein Taxi zu bestellen. Ich habe meine Zweifel, weil das doch bestimmt ziemlich lange geht und meine Mutter bereits unterwegs ist. Weil die beiden zwar komisch, aber nicht wirklich kriminell rüberkommen, schlage ich ihnen kurzer Hand vor, einfach bei uns mitzufahren. Und gebe im Stillen zu, dass meine besten Freunde eventuell recht haben, wenn sie mich manchmal zu naiv nennen. Aber nur manchmal, und das sollten sie jetzt auf keinen Fall hören!!!

Und ich kann auch gleich hinzufügen, mein Menschenkenntnis hat mich nicht getäuscht. Frau Kapuze und Herr Anorak, deren richtige Namen ich übrigens nie erfahren habe, entpuppen sich in den nächsten Minuten als absolut interessante, lustige Menschen, und wir sind so etwas wie Leidensgenossen, während wir unruhig darauf warten, dass auf der Straße ein dunkelsilberbraungrauer Ford Kuga (meine Beschreibung) auftaucht. Es ist wirklich schweinekalt, und als ich das mal kurz erwähne, teilt Frau Kapuze doch tatsächlich schwesterlich ihre braunen Lederhandschuh mit mir. Ich stehe also mit einem einzelnen Handschuh, einem Koffer, einem mit Essen gefüllten Rucksack und zwei Leuten, die den Altersdurchschnitt drastisch erhöhen, an der Hauptstraße. Ja, ich habe mich auf Begegnungen und Abenteuer gefreut – so früh hätte ich aber doch noch nicht damit gerechnet…

7:45 Uhr:

Meine Mutter kommt angeheizt, wundert sich nur eine Sekunde über meine Begleitung und wir werfen alle unsere Gepäcksstücke ins Auto.

Ganz kurz überlege ich grinsend, was wohl passieren würde, wenn ich jetzt fragen würde: „Darf ich fahren?“ Fakt ist: da hätte sich die Bestimmung meines silbernen Ford Fiesta, der seit heute auf unserem Hof steht, direkt wieder ergeben. Meine Mutter, die glücklicherweise längst nicht mehr in ihrer Probezeit feststeckt, legt eine spektakuläre Autofahrt gegen alle Verkehrsregeln hin, und ich, das brave BF17-Kind, kneife vor lauter Nicht-Vorbild die Augen zu.

08:15 Uhr:

Die LKWs und die roten Ampeln kann aber leider auch meine Mutter nicht wegzaubern. Wir passieren die Rotwelle des Jahrhunderts. Zwischendurch erheitert uns Frau Kapuze mit Geschichten von ihrer Tochter, die bei der Bundespolizei in Lübeck arbeitet, und Herr Anorak steuert bei a) dass er seinen Sohn in Düsseldorf besucht und b) dass meine Mutter einen guten Fahrstil hat. Naja. Rasant würde besser passen.

08:32 Uhr:

Rote Ampel Nummer 9239649632959.

08:44 Uhr:

Der fünftausendste LKW!!!

08:56 Uhr:

In Ulm verlässt der Eurocity 217 von Wiesbaden nach Graz die Bahnhofshalle – während zwei Kilometer weiter ein dunkelsilberbraungrauer Ford Kuga das Ortsschild von Ulm passiert. Neeein!

09:05 Uhr:

Nach 9239649632959 roten Ampeln, fünftausend LKWs und so manchen Nervenzusammenbrüchen kommen wir am Bahnhof in Ulm an. Ich habe nicht mal mehr die Zeit, mich von meinen beiden Leidensgenossen zu verabschieden. Mit meinem Koffer, meinem Rucksack und der Kamera um den Hals renne ich auf Bahngleis 1 -natürlich vollkommen umsonst. Der Zug ist weg, mehr weg könnte er gar nicht sein, und ich bleibe völlig außer Atem stehen. Ich bin so durcheinander, dass ich erst mal einem Kumpel von mir eine Sprachmemo schicke, in der ich mich über diese Ungerechtigkeit auslasse, und dabei völlig vergesse, dass der gerade in unserem Grundkurs Deutsch sitzt, so wie ich es auch tun würde, wenn ich nicht gerade für eine Tagesreise beurlaubt wäre. Ratlos laufe ich zurück in die Bahnhofshalle, wo meine Mutter auf mich wartet, zusammen mit Herr Anorak, der seinen Zug ebenfalls knapp verpasst hat.

Die Frau an der Reiseauskunft ist sehr freundlich und ebenfalls sehr genervt vom ständig verspäteten Nahverkehr. „Und die Verbindungen nach Graz sind halt auch supertoll.“ sagt sie. „Nicht.“ Sie bucht mir einen Zug, der um 10:59 Uhr abfährt und Graz um 18:14 Uhr erreicht. Im Stillen verabschiede ich mich von meinem minutiös geplanten Ankunftsprogramm in Graz. Der Treffpunkt im Grazer Literaturhaus ist um 18:30 Uhr, ich kann von Glück sagen wenn ich dort pünktlich ankomme.

Natürlich muss ich bei diesem ganzen Szenario ein bisschen an letzten Sommer denken, als ich zu Marina nach Nordrhein-Westfalen gefahren bin und der erste Fernbus so verspätet war, dass es für den zweiten eigentlich auch nicht mehr gereicht hätte. Damals hat der Busfahrer – äußerst genervt- auf mich gewartet. Das geht hier natürlich nicht. Der EC217 ist ein Fernzug, unfreiwillige Wartezeiten sind für ihn eine Katastrophe.

Ich bin also zumindest etwas erprobt, was außerplanmäßige Reisen angeht. Die Erfahrung, da bin ich mir sicher, muss man auch mal machen, und immerhin habe ich zuhause etwas zu erzählen. Und das ist noch nicht alles.

Nachdem meine Mutter und ich meine neuen Reisedaten abgeholt haben, ruft meine Mutter plötzlich: „Da ist doch Leonie!“ Sie zeigt auf die Insel an Sitzbänken in der Mitte der großen Bahnhofshalle und ich brauche einen Moment, bis ich sehe was – oder besser gesagt wen- sie meint- Tatsächlich sitzt auf einer der Bänke Leonie. Das ist eine Frau aus meinem Ort, ungefähr so alt wie meine Oma. Als ich noch in der Grundschule war, hat sie bei uns die Mittagsbetreuung geleitet.  Ihr könnt mir glauben, ich habe sie geliebt, diese Mittagspausen mit ihr, in denen wir alles machen durften. Diese Stunden waren an der Schule überhaupt das allerbeste und bestimmt war das auch die größte Umstellung, als ich aufs Gymnasium kam. Keine Leonie mehr, die uns während dem Mittagessen Geschichten erzählt und danach unsere wilden Bastelideen mit uns umsetzt, die uns mit einer unendlichen Geduld Häkeln beibringt und bei den Hausaufgaben hilft. Wir waren auch oft bei ihr zuhause, ihr Haus ist nämlich wunderschön und im Garten hat sie ein großes Schwimmbecken, das nur leider leer ist, solange wir denken können. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, vielleicht ist sie wie eine Großmutter für mich, vielleicht aber auch wie eine beste Freundin. Sie ist alles, nur nicht alt, und sie reist bis heute so viel durch die Welt, wie ich nur davon träumen kann. Erst vor einer Woche bin ich nach dem Joggen an ihrem Haus vorbei gelaufen und habe unvermittelt gedacht: Eigentlich sollte ich jetzt einfach klingeln und Hallo sagen. Einfach, weil es so lange her ist, dass wir zum letzten Mal geredet haben. Einfach, um ein kleines Stückchen Kindheit zurückzubekommen, ich könnte es so gut gebrauchen gerade, weil alles anders wird, mit jedem Tag an dem ich die Augen aufschlage.

Und jetzt sitzt sie hier in dieser Bahnhofshalle und fährt auch nach Graz, zu ihrer Tochter, und sie hat auch den Eurocity verpasst, weil sie auch in den Regio-Zug gestiegen wäre, nur eine Station früher. Das ist so viel Zufall, dass wir es gar nicht glauben können. Meine Mutter ist äußerst erleichtert, dass ich nicht alleine fahre, weil sie das ihrer 17-jährigen Tochter, die bereits ohne Eltern in Asien war, offensichtlich nicht zugetraut hätte (Danke Mama) und verabschiedet sich von uns ,mit der Ankündigung, jetzt erstmal im IKEA frühstücken zu gehen.

Das klingt vielleicht nicht schlecht, aber in meinem Kopf hat nur ein Gedanke Platz: Ich schaffe es doch noch nach Graz! und mehr will ich gar nicht wissen von der Welt.

10:00 Uhr

Leonie und ich haben uns bei dem Bäcker am Bahnhof ein Frühstück gekauft, obwohl mein Rucksack prall gefüllt mit Essen ist. Ich trinke Kaffee, den ich wie immer nicht vertrage, und wir reden über alles mögliche, über Reisen, über Graz, über das Flüchtlingscafé, in dem sie freiwillig arbeitet. Es gibt so viele Geschichten von denen Leuten, die da leben und in Deutschland auf eine Zukunft hoffen. Sie erzählt, dass sie in Graz mal in der Jufa (Jugendherberge) übernachtet hat, wo es ihr supergut gefallen hat, weil da so viele junge Leute waren und sie mit ihrer Energie angesteckt haben. Ich lache, weil so etwas einfach nur Leonie sagen kann. Das mag ich so an ihr! Ich mag eigentlich alles an ihr, und ich könnte noch viel, viel mehr erzählen von unseren Gesprächen, die mir immer im Kopf bleiben werden, wenn ich an Graz zurückdenke. Das Leben schreibt die besten Geschichten!!

10:59 Uhr

Mit zwei Stunden und 3 Minuten Verspätung verlassen wir den Bahnhof in Ulm. Wir sitzen in einem Abteilwagen mit zwei Frauen, die beide für ihre Lehramtsprüfung lernen wie ich erkenne. Ich sitze nicht am Fenster, also starre ich einfach nur geradeaus und grinse vor mich hin und schreibe einen Facebook-Post für www.sommertinte.de , ich beende ihn mit dem Satz: Ich bin so glücklich grade, das glaubt ihr mir gar nicht!

15:00 Uhr

Um 15:00 Uhr müssen wir einmal umsteigen. Wir sind jetzt schon in Bischofshofen im Bundesland Salzburg, und habe ich schon mal erwähnt wie sehr ich Österreich mag? Alleine die Zugfahrt durch die Berge und durch Salzburg lohnt sich schon.

Sehr verständlich also, dass ich der armen, von einer Geschichte getöteten Agnes etwas weniger Beachtung schenke als der Welt hinter dem Fenster oder? 😉

Irgendwann

stehen wir in Selzthal, einem äußerst interessanten weil sehr …roten Bahnhof. Und wir haben auch außerordentlich viel Zeit, die roten Stahlstangen zu bewundern, denn der Zug steht und steht, und schließlicht kommt per Zugdurchsage die Hiobsbotschaft, dass der Zug hier leider leider zehn Minuten länger warten muss, wegen was weiß ich, und ich seufze nur noch. Heute, so viel steht eindeutig fest, ist der Wurm drin und auf diese zehn Minuten kommt es dann auch nicht mehr an. Zum Glück konnte ich bereits Hotel und Jugendliteraturwerkstatt kontaktieren, sodass alle Bescheid wissen, dass ich später komme. Das Gute ist, dass Leonies Tochter uns am Bahnhof abholen wird und mich dann zum Literaturhaus fahren kann. Ansonsten hätte mich, das geborene Dorfkind, das Tramnetz von Graz auf die Schnelle wahrscheinlich doch überfordert.

16:04 Uhr

Mein mentaler Tiefpunkt ist erreicht. Ich habe das auf jeder Reise, dass ich irgendwann nicht mehr will und mir inständig die Frage stelle: Wozu das Ganze? Ich kann mich an keine einzige Reise erinnern, bei der das nicht so war, aber ich habe auch noch keine einzige Reise im Nachhinein bereut. Das ist einfach so ein kleines, blödes Zeitfenster, das man überbrücken muss, indem man möglichst wenig nachdenkt.

Ich weiß gar nicht genau, was es diesmal so stark gemacht hat, die Tatsache dass ich sowieso überhaupt nicht lange bleiben werde weshalb man die Reise irgendwie als sinnlos erachten könnte, oder aber die Sehnsucht nach den Leuten zuhause, obwohl ich sie doch gestern noch alle gesehen habe. Die Zeit seit den Fasnetferien war einfach so schön, ich hatte so viel Spaß mit allen und obwohl es lächerliche 48 Stunden sind, in denen ich sie nicht sehe, macht es mich schon traurig. Ich bin so froh, dass es WhatsApp gibt, dass meine Auslandsflat funktioniert und ich auch im abgelegensten Tal Österreichs noch Nachrichten von meiner besten Freundin bekomme, die mir ganz viel Spaß wünscht und mich rausholt, aus diesem klitzekleinen mentalen Tief.

17:40 Uhr

Dinge, die man einmal im Leben getan haben muss Teil 1: sich in einer schaukelnden, ekelhaften Zugtoilette herzurichten.

Während gedämpfte Zugdurchsagen in die Kabine dringen, die von Wir erreichen in Kürze den nächsten Kaff-Bahnhof bis Leider ist unser Zug entgleist, daher auch das Schaukeln und wir werden leider demnächst auf einen Felsen krachen alles bedeuten können, ziehe ich Jeans und T-shirt aus, um stattdessen in mein schwarzes Kleid zu schlüpfen. Was leichter gesagt ist als getan, und das Schminken gestaltet sich auch eher als schwierig. Ich kann nur von Glück sagen, dass ich von vorne herein nicht vorhatte, meine ohnehin schon knapp bemessene Zeit in Graz mit Haare waschen zu verbringen. Ich muss jetzt nur meine Pflechtzöpfe aufmachen – naja, und versuchen nicht auszusehen, als hätte ich eine Sekunde zu lange in die Steckdose gefasst. Fazit: Ich sah schon besser aus, den Umständen entsprechend aber gut, und der Zug ist zum Glück auch nicht entgleist.

17:30 Uhr

Wir sind in Graz. Oh-mein-Gott! Ich glaube ich habe mich noch nie so gefreut, aus einem Zug rauszukommen. Alles macht mich ganz enthusiastisch. Österreichischer Boden! Die riesige Bahnhofshalle von Graz, das Einzige, was ich bisher kenne von dieser Stadt! Und Leonies Tochter, ihr Mann und der zweijährige Sohn, die uns schon erwarten. Der Mann von Leonies Tochter hat einen unglaublich schönen österreichischen Akzent in der Stimme, ich hätte ihm jahrelang zuhören können. Wir verlassen den Bahnhof und augenblicklich umfängt mich Graz mit lauten Verkehrsgeräuschen, ausgelassenen Stimmen und Wärme, alles blüht schon und der Himmel färbt sich bereits rot. Ich brauche vielleicht zwei Sekunden, um mich zu verlieben, in diese Stadt, in diese Welt und diesen Freitagabend, der ganz anders abläuft als geplant.

17:40 Uhr

Ich stehe mit Sack und Pack in der Elisabethstraße, wo mich das Auto rausgelassen hat und bin erst einmal etwas orientierungslos. So kommt es, dass ich als Lesende erst mal ein paar Zuhörer der Lesung fragen muss, wo es eigentlich hingeht. Das Literaturhaus befindet sich in einem Innenhof und ich muss erst noch ein paar Treppen hinuntersteigen, bis ich endlich den Lesungssaal finde, der schon ziemlich voll ist. Zum Glück kann ich mein Gepäck in einer Ecke abstellen.

Ich bin nicht lange alleine, weil direkt zwei Mädchen auf mich zu kommen. Die eine heißt Marleen, sie ist wie ich 17 Jahre alt und kommt auch aus Deutschland. Mit ihren beiden eingereichten Kurzgeschichten ist sie Gesamtsiegerin geworden, also Erste. Von den Jury-Bewertungen im Internet weiß ich ungefähr, worum es bei ihr geht, und ich kann es kaum erwarten, die ganze Geschichte zu hören. Das zweite Mädchen, Etumu, ist bereits 19 und sitzt in der Jury des Wettbewerbs. Beide sind so nett und aufgeschlossen, dass ich ab und zu beinahe vergesse, hochdeutsch zu reden. Das fällt mir immer noch so schwer, obwohl ich genau weiß, dass mich mit meinem Breitschwäbisch keiner versteht. Wenn es wenigstens bayrisch wäre – oder österreichisch!!

19:15 Uhr

Genauso pünktlich wie meine Züge heute startet die Lesung der Preisträger des Europäischen Literaturwerkstatt 2017. Eigentlich wollte die Jury noch auf eine jüngere Gewinnerin aus Weiz warten, aber sie taucht nicht auf, und mich schockt heute sowieso keine Verspätung mehr.

Zunächst hält eine Frau eine Rede, von der ich leider nicht mehr genau weiß, wer sie ist, aber ich glaube es ist eine Vertreterin der Stadt Graz. Sie ist sehr freundlich und findet viele Worte des Lobes, aber an einer Stelle fällt es uns schwer, nicht zu lachen.

Wenn man schreibt und das auch Leute mitkriegen, bekommt man schon ziemlich oft zu hören: „So toll, dass ihr auch noch etwas anderes macht als ins Handy zu starren!“ Als ich 2015 auf der Schreibzeit in Österreich war und wir unsere Abschlusslesung hatten, kam von den steirischen Politikern dieser Satz auch mehrmals und wir fanden das damals schon mega lustig. Und ich muss wirklich sagen, von allen meinen Freunden bin ich mit Abstand am meisten am Handy, ich könnte stundenlang durch Instagram und Facebook scrollen, und ja – man kann definitiv trotzdem noch schreiben 🙂

Jedenfalls, irgendwann ist es auch in dieser Rede soweit, dass die Frau von genutztem Potenzial spricht und uns dafür lobt, dass wir uns auf etwas beziehen, das für die Ewigkeit geschaffen ist. „Internet“ schließt sie, „wird früher oder später wieder verschwinden. Das, was auf Papier gedruckt ist, bleibt euch erhalten!“ Das ist ein lustiger Moment, definitiv, aber insgesamt hat die Frau so recht mit dem was sie sagt! Ich nehme heute das dritte Buch entgegen, in dem ein Text von mir abgedruckt wird, und für mich sind das die größten Schätze. Auf der Dropbox hat ja jeder Texte 😛

Zwischen 20 und 21 Uhr

Ich hatte lange Angst davor, meinen Text vorzulesen. Davor, dass ich mich verhasple, Wörter falsch ausspreche oder Sätze vergesse. Und davor, dass auch der letzte im Raum merkt, dass ich der hochdeutschen Sprache zumindest gesprochen kaum fähig bin. Aber in dem Moment, in dem mein Name aufgerufen wird, ist es ganz einfach. Und es fühlt sich gut an. Ich glaube ich hätte noch ewig weiterlesen können.
Ich habe diesen Text für meinen Großvater geschrieben und in Erinnerung an die Zeit, als er gestorben ist. Eins habe ich gelernt: auch aus den dunkelsten Momenten kann etwas verdammt Gutes entstehen.

Marleen sagt mir danach, dass man gemerkt hat, wie authentisch und ehrlich die Geschichte war, und das ist sie ja auch, bis auf wenige Details ist sie echt. Dazu kann ich auch stehen, über was sollen wir denn schreiben, wenn nicht über unser eigenes Leben und das, was uns darin passiert?

Ich freue mich über ihr Lob und bin gleichzeitig extrem beeindruckt, von dem Mädchen, das einfach so neben mir sitzt und zwei Geschichten geschrieben hat, die sprachlich und inhaltlich schlichtweg perfekt sind, ich habe sie seit Freitagabend bestimmt schon fünf Mal gelesen.

Ich bin aber auch von allen anderen Texten sehr beeindruckt, besonders die der Jüngeren, die in einer anderen Altersgruppe bewertet wurden als wir. Die jüngsten Gewinnerinnen sind 10 Jahre alt!

21:30 Uhr

Nach der Lesung nehmen wir unsere Urkunden entgegen und müssen leider erfahren, dass das geplante Büffet ausfallen wird, weil es irgendwelche Probleme gibt. Zum Glück wohnt Marleen mit ihrer jüngeren Schwester und ihrer Mutter im selben Hotel wie ich.

Bevor wir ins Hotel laufen, verbringen wir aber noch ein paar Stunden in Graz´ Nachtleben. Abgesehen von meinem schweren Gepäck fühle ich mich perfekt. Graz ist SO SO WUNDERSCHÖN! An jeder Ecke muss ich stehen bleiben, weil immer noch schönere Gebäude und Plätze und Brücken auftauchen. Die arme Marleen und ihre Familie, ständig müssen sie stehenbleiben. Trotzdem sind meine Fotos doch eher verwackelt, aber die Schönheit von Graz lässt sich trotzdem noch erkennen. Zum Abschluss sind wir noch im Kunsthauscafé.

Mit Marleen verstehe ich mich sehr gut, wir teilen viele Ansichten und vieles, was sie mir vom Schreiben erzählt, hätte ich genauso auch sagen können. Das ist eindeutig eines der besten Dinge an der Jugendliteraturwerkstatt Graz, ich kenne jetzt schon so viele Leute aus drei deutschsprachigen Ländern, die gleich ticken wie ich!

Mitternacht

Ich stehe endlich in meinem Einzelzimmer des Hotel Mariahilf, mitten in der Innenstadt von Graz. Ich bin zwar müde, hungrig und k.o. aber auch glücklich. Wenn ich durch das Fenster sehe, schaue ich direkt aufs Kunsthaus, auch friendly Alien genannt, und es sieht wirklich aus wie ein sehr freundliches, stacheliges Alien.

Nach dem langen Tag mit vielen, zum Teil neuen Menschen, genieße ich es, allein zu sein. Gute Nacht Graz!

Samstag, 08. April 2017, 06:03 Uhr

Eigentlich habe ich mir den Handywecker auf 07:00 Uhr gestellt, aber um 06:00 Uhr ist das Hotelzimmer in Graz taghell, und 6:00 Uhr ist auch die Uhrzeit, auf die ich dank der Schule getrimmt bin. So stehe ich um kurz nach sechs am Fenster, wo gerade die dunkle  Fassade des friendly Alien in Rosa leuchtet durch das Licht des Himmels, und mein schlaftrunkenes Hirn braucht nur ein paar Sekunden, um seine Entscheidung zu fällen.

„Sie wollens aber noch nit auschecken oder?“ Die Rezeptionistin sieht mich irritiert an, weil ich ihr gerade um 06:10 Uhr in voller Montur meinen Schlüssel auf den Tresen gelegt habe. „Äh nein.“ sage ich. „Bloß rumlaufen.“ Naja, immerhin war es so halbwegs hochdeutsch.

So laufe ich also in den frühen Morgenstunden noch Graz, was Gold wert ist, denn es ist kaum jemand wach. Ich passiere das Kunsthaus, laufe über die Erzherzog-Johann-Brücke wo ich die vielen bunten Liebesschlösser fotografiere und die Franziskanerkirche bewundere.

Von dort aus sehe ich auch die Murinsel, und den Schlossberg, der mich so sehr lockt, dass ich kurz darauf an seinem Fuße stehe. Ich dachte immer, man kommt da nur mit dem Schlossberglift beziehungsweise der Seilbahn hoch, und ich ärgere mich, weil ich kein Geld mithabe. Aber dann entdecke ich, dass man auch Treppen laufen kann, und entscheide mich für die günstigere Variante.

Oben ist es wunderwunderschön, ich kann gar nicht begreifen was ich sehe. Und alles lässt sich zusammenfassen mit einer Passage aus Max Frischs Homo Faber:

Ich wusste, dass ich alles, was ich sehe, verlassen werde,

aber nicht vergessen.

Zuletzt habe ich noch den Hauptplatz besucht, den ich auch schon in der Nacht gesehen habe. Der ist auch tagsüber absolut zu empfehlen.

Auf dem Hauptplatz meldet sich dann allerdings mein Magen, ich habe seit der Zugfahrt nichts gegessen und freue mich sehr auf das Frühstück im Hotel.

09:00 Uhr

…und es schmeckt sehr lecker 😉

Danach mache ich noch das, was ein Mädchen machen muss, wenn sie in eine Stadt kommt, ich gehe shoppen in der größten Einkaufsstraße in Graz, der Herrengasse. Immer im Hinblick darauf, dass heute Abend zuhause noch ein Fest ist, habe ich mich nach einem Oberteil umgesehen und auch eins gefunden, das mich wohl immer an Graz erinnern wird. Die ganze Zeit über wird mir klar, dass der Abschied näher rückt. Ich will das nicht!

Zum Abschluss gehe ich noch auf die Murinsel, wo ich einen sündhaft teuren Vanille-Milchshake genieße und mir die Sonne ins Gesicht scheinen lässt.

10:45 Uhr

Das Taxi, das mir das Hotel bestellt hat, rollt schon an, als ich gerade den Schlüssel abgebe. Mit tonnenschwerem Herzen und ziemlich viel Angst, weil ich noch nicht genau weiß, auf welchem Gleis mein Zug nach Hause fährt. Der Weg zum Bahnhof ist nicht weit und ich verbringe die ganze Fahrt damit, aus dem Fenster zu schauen, um noch einmal Graz zu sehen. Dann bin ich am Bahnhof, und alles funktioniert so reibungslos, dass es schon fast ironisch ist. Mein Gleis steht auf der großen Anzeigetafel, ich habe noch eine dreiviertel Stunde Zeit, die ich damit verbringe, eine Postkarte für mein Zimmer zu kaufen und dann sitze ich auch schon im Eurocity Richtung Ulm. Der Moment, in dem der Zug die Bahnhofshalle verlässt, ist nicht schön, aber ich bin mir irgendwie ganz sicher, dass ich wiederkommen werde.

Über die restliche Zugfahrt gibt es nicht viel zu berichten, deswegen schreibe ich lieber die Lieder auf, die mich während der ganzen Fahrerei nach Graz und von Graz nach Hause begleitet haben:

Today- Williamette Stone

True love- Coldplay

Como te atreves – Morat

19:23 Uhr

DerRegiozug nach Riedlingen schaukelt wie verrückt, erst recht, wenn man zuvor sieben Stunden im Fernzug gesessen ist. Rosaroter Himmel zieht vorbei, und die Orte und Städte, die ich gestern schon hätte sehen sollen. Die geplante Strecke, wenn es nicht anders gekommen wäre, wie tausend Mal in diesem Leben. Alles anders.

Anders ist vielleicht nicht immer gut, aber hier sitze ich und halte meinen Koffer fest der kippt, und könnte niemand glücklicher sein.

Ich würde nichts ändern an diesen zwei Tagen Abenteuer, die mir so gut getan haben wie ein zweiwöchiger Urlaub unter der italienischen Sonne. Wenn ich gewusst hätte, dass der Zug in Riedlingen nicht kommt, hätte ich es trotzdem so gemacht, denn was wäre sonst aus Frau Kapuze und Herrn Anorak geworden, aus Leonie allein am Bahnsteig und dem Taxiservice in Graz? Wäre ich direkt so in Marleen reingerannt, ich wenn ich früher gekommen wäre? Hätte ich Graz heute morgen bei Sonnenaufgang besichtigt, ganz allein in leeren Straßen?

Mein Koffer kippt mit einem Knallen um. Der Mann, der – sein Fahrrad umklammernd – gegenüber von mir sitzt, grinst. Ich lächele zurück. Draußen geht die Sonne unter, in den Straßen von Graz beginnt das Nachtleben, und ich stelle meinen Koffer wieder auf.

19:59 Uhr

So fängt es an, so hört es auf. Bahnhof Riedlingen. Ich schließe die Augen und für einen Moment ist es wieder Freitagmorgen und alles liegt vor mir. Ich mache sie wieder auf und es ist Samstag. Es bricht mir fast das Herz.

Zum Schluss

Von allen Städten, die ich bisher gesehen habe, ist Graz mir die Liebste. Noch nie habe ich so schöne Straßen, so nette und hübsche Menschen und so besondere Momente gesehen und erlebt.

Zu verdanken habe ich diese Erfahrung der Jugendliteraturwerkstatt Graz, die jedes Jahr hunderte von Jugendlichen aus ganz Europa in ihrem Schreiben fördert und unterstützt. Ihre Arbeit ist unvergleichbar. Ich möchte mich daher ganz herzlich bedanken bei dem Verein Jugend-Literatur-Werkstatt in Graz, bei allen Juroren und Mitwirkenden.

Danke an Marleen, Antonia, Etumu und alle anderen für den unvergesslichen Abend.

Danke an Leonie, für eine Zugfahrt die wie im Flug verging, und für noch viel mehr. Und danke an Verena und ihre Familie.

Natürlich muss ich auch meinen eigenen Eltern Danke sagen, die mir das ermöglicht und erlaubt haben, tut mir Leid dass mich einfach nichts zuhause hält.

Schreiben, das öffnet Türen und manchmal auch ganze Tore, und ich bin froh, dass ich das Tag für Tag machen kann, auch auf diesem Blog, deswegen danke an euch alle, die ihr tatsächlich bis hierher meinen Bericht verfolgt habt, oder vielleicht auch nicht 😉

Zu meiner ausgezeichneten Kurzgeschichte gelangt ihr hier.

Den Film zu 1035 Minuten Graz gibt es aufgrund seiner Größe leider nur auf Facebook zu sehen.

Bis bald!