10.09.2016

Gestern hatte ich einen unglaublich schönen Abend. Ich war mit Freunden weg, es war noch ein letztes Mal warm und der Himmel war so klar, dass wir sämtliche Sternbilder erkannt hätten, würden wir uns denn damit auskennen. Beim großen Wagen hört es auf – aber das war uns egal, wir genossen es trotzdem und hatten jede Menge Spaß. Es wurde zehn, es wurde elf, und dann wurde es zwölf, und als wir um zwei Uhr nach Hause fuhren hatte sich nichts geändert, und gleichzeitig war alles anders. Es ist der 10. September 2016, und wie jedes Jahr an diesem Tag, habe ich begonnen, zurück zu denken.

Vor vier Jahren ist etwas passiert, das zwar nicht mein Leben, aber doch ein Stück weit meine Sichtweise auf den Kopf gestellt hat, und zwar für immer. Ein kleines Mädchen, das ich eigentlich nur flüchtig kannte, musste sterben, viel zu früh und ohne jeglichen ersichtlichen Sinn. Es gab Gründe, klar, aber keine die man irgendwie hätte rechtfertigen können. Es war so ein unfairer, beschissener Tag, den ich als allererstes aus der  Zeit streichen würde, wenn das möglich wäre.

Wieso?, habe ich mich immer und immer wieder gefragt. Was soll das, dass jemand, der gerade einmal sechs Jahre gelebt hat, die Erde verlassen soll? Wie viele alte Menschen sehnen sich nach Erlösung und bekommen sie nicht, während anderen ihr ganzes Leben genommen wird? Es war und ist ein Kreisel an Gedanken, die sich nicht zu Ende denken lassen, egal wie viele Versuche man anstellt.

Es.gibt.keinen.Sinn.

Zumindest nicht am Anfang, und zumindest nicht für solche Ereignisse.

Obwohl ich dieses kleine Mädchen vielleicht zwei Mal in meinem Leben gesehen habe, kann ich mich ungewöhnlich gut daran erinnern. Wie ich sie im Arm hatte und hochgewirbelt habe, wie sie gelacht hat und wie sie aussah,wenn ihr etwas nicht gefiehl. Zu ihren Lebzeiten war sie ein Mädchen in meinem Bekanntenkreis, wie viele andere auch. Nach ihrem Tod wurde es anders. Als würde sie mir irgendwie näher kommen, ganz egal dass wir uns eigentlich kaum kannten.

Sagt mir was ihr wollt, sie war da an dem Tag ihrer Beerdigung, in der kleinen Kirche die gerammelt voll war von Leuten, die Abschied nehmen wollten. Wir standen ganz hinten. Wir hielten Blumen in der Hand und beteten für sie. Und sie war überall.

Irgendwie schien ihr das nicht genug gewesen zu sein, oder sie wollte mir etwas beweisen, oder ich bilde mir das alles auch ein, aber das glaube ich am wenigsten. Im Juli 2014 beschloss mein Herz, ein Scheißherz zu werden, indem es mich mit ständigem Stolpern fast in den Wahnsinn trieb. Natürlich musste ich an sie denken. Letztendlich ist es ihrem Herz zu verdanken, dass sie gehen musste. Ich hatte Angst, denn kurzzeitig stand mein ganzes Leben auf dem Kopf. Der Arzt hatte das sogenannte Long QT-Syndrom im Verdacht, eine lebensbedrohliche Verlängerung zwischen zwei Herzschlägen. Im Verdacht, totkrank zu sein- von einem Tag auf den anderen.  Ich glaube so schlecht wie an diesem Tag ist es mir noch nie gegangen. Ich kam in Konstanz zunächst auf die Intensivstation, wo sich in den nächsten zwei Tagen herausstellte, dass mein Herz wieder eine normale Qtc aufweist ( sprich das Long Qt-Syndrom wurde ausgeschlossen).Ich habe eine Weile gebraucht um das zu realisieren: ich bin nicht krank, ich muss keine Angst haben, jeder Zeit von bösartigen Herzrythmusstörungen heimgesucht zu werden. Womit habe ich das verdient, wem habe ich das zu verdanken? Wie auch immer, ich war unbeschreiblich erleichtert. Nach drei Tagen Langzeit-EKG wurden bei mir Palpitationen festgestellt. Das bedeutet, dass eine Nebenkammer meines Herzens in unregelmäßigen Abständen zusätzliche Schläge macht, die nicht nötig sind und den Herzrythmus kurzfristig durcheinander bringen. Das spüre ich dann als ein starkes, schnelles Herzklopfen. Damit wurde ich entlassen – und sollte fortan damit leben. Manchmal dauerten die Stolperer Minuten an, was mich völlig fertig machte. Ich bekam keine Luft, Schweißausbrüche und unsanft zu spüren, dass mein Herz existiert, so nach dem Motto: Hallo, ich bin da, falls du mich noch nicht bemerkt hast! Aber es gab auch immer öfter Zeiten, in denen es nicht so schlimm war. Ich begann, mich daran zu gewöhnen und es als Teil von mir zu sehen. Ich war danach noch zwei Mal in Konstanz zur Untersuchung. Sie sagten, es könne jederzeit verschwinden und wieder kommen.

Bei der Diagnose war ich 14, jetzt werde ich 17, und die Palpitationen sind ein  Teil meines Alltags geblieben. Ich habe sie immer noch – in unregelmäßigen Abständen und meistens schubweise. Ich kann nicht mehr richtig auf der rechten Seite liegen, weil mein Herz da sofort abgeht, und werde nur all zu oft vom Klopfen überrascht -aber ich lebe damit. Ich fühle mich gut, und ich werde nie vergessen wie das war, als alle glaubten ich hätte dieses Long Qt-Syndrom. Jetzt weiß ich, wie das ist, Angst um sein Leben zu haben, und das macht, dass ich mein Leben um so mehr genießen kann.

alive

Was hat sie mit der ganzen Geschichte zu tun? Ganz einfach, sie war da, in dieser Zeit noch viel mehr als davor. Das teilen wir uns jetzt, und ich glaube fest daran, dass sie dahinter steckt, dass sich meine QTc wieder verändert hat, kaum dass ich im Krankenhaus war. Das ist der Teil von ihr, der bei mir bleibt, und bei jedem schnellen Klopfen denke ich daran.

An diesem jährlichen 10. September merke ich, wie rasend schnell die Zeit vergeht. 4 Jahre, in denen so viel passiert ist! Natürlich habe ich aufgehört, jeden Tag daran zu denken, wie schlimm das war, als am 10. September 2012 dieser Anruf kam. Ich lebe weiter, aber jetzt mit dem Bewusstsein, wie froh ich sein kann, am Leben und gesund zu sein. Nicht alle Menschen werden 16 Jahre alt, und bald bin ich schon 17. Vielleicht versuche ich unterbewusst auch ein bisschen, alles einzusammeln was es für sie nie geben wird. Jede Erfahrung die ich mache wird mit ihr geteilt, und weil ich ziemlich sicher bin, dass ich nicht die Einzige bin die das so macht, wird sie da oben wohl gerade ganz schön glücklich sein über all die neuen Erfahrungen. 364 Tage im Jahr lebe ich, so stark es geht, aber ein Tag, der 10. September, gehört ganz ihr. Heute denke ich vor allem auch an ihre Familie und an ihre Freunde. Ich wünsche ihnen alles, alles Gute und so viel Stärke wie sie brauchen. Ich bin froh und dankbar, dieses kleine Mädchen kennengelernt zu haben.

vorbild

Das ist mein Tag heute, und es tut mir Leid dass dieser Blogpost so traurig ist. Irgendwie sind die ganzen Sachen auch wahnsinnig persönlich, und es wird mir gleich bestimmt schwerfallen bei Facebook auf „Posten“ zu klicken.

Aber das ist mein persönlicher Blog und wenn es das nicht wäre, würde ich Rezepte für Pfannkuchen posten (was ironisch ist, weil ich keine Pfannkuchen backen kann geschweigedenn ein Rezept dafür habe) 😀

persönlicher blog

Ich wünsche euch einen letzten (letzten!!! 🙁 ) schönen Ferientag und einen guten Start ins neue Schuljahr!